450 VRIDANKES BESCHEIDENHEIT VON WILHELM GRIMM.
in dieser Beziehung dem Geschichtsforscher von Werth: erschildert Syrien und spricht über Rom. auf eine Weise, dassman glauben muss, er habe auf der Hinfahrt dort verweilt, denn
403 seine Äusserungen verrathen eigene Anschauung. Indessenmacht den eigentlichen Haupttheil seines Gedichtes, das vonmassigem Umfange ist (es beträgt in gegenwärtiger Gestaltnoch nicht 5000 Verse), eine Betrachtung von dem geistigenZustande seiner Zeit aus, ein Weltspiegel, in welchem dieverschiedenen Stände von dem Papste und Kaiser bis herab zuden Knechten, die öffentlichen und häuslichen Verhältnisse, derreligiöse Glaube, Tugenden und Laster in mannigfaltiger Ab-wechselung berührt und dargestellt werden. Allein es sind nichtAussprüche individueller und einseitiger Betrachtung (die wirvon diesem Dichter auch mit Dank hinnehmen würden), sonderndie Ausfüllung des Werkes besteht grossentheils aus den demganzen Volke zugehörigen Sprichwörtern, die frisch und lebendig,frei und geistreich, häufig mit Anmuth und Zierlichkeit ausge-drückt werden. Wir besitzen also zugleich eine Blumenlese vonSprichwörtern, wie sie im Anfange des 13. Jahrhunderts vor-züglich im südlichen Deutschland gäng und gäbe waren, oder,wenn man will, eine Popularphilosophie, die freilich ohneSystem und wissenschaftliche Consequenz ist, aber doch von derEinheit zusammengehalten wird, die in der eigenthümlichen undlebensvollen Bildung jenes Zeitalters lag. In der Einleitunghabe ich untersucht, ob und in wie weit Freidank etwas vondem Seinigen hinzugethan habe. Meiner Ansicht nach ist erauch in dieser Hinsicht auf die beste und natürlichste Weise,gerade so wie ein Dichter muss, zu Werke gegangen, ich meine,wir besitzen zwar alte und älteste Überlieferung, allein derDichter hat sie als freies Eigenthum betrachtet und dem em-pfangenen Gedanken das Siegel des eigenen Geistes aufgedrückt.
Ein Gedicht dieses Art musste bei der verschiedensten
404 Gesinnung Anklang finden, und die Zeugnisse, die ich zusam-mengestellt habe, bewähren, in welchem Ansehen es durch dasganze 13. Jahrhundert stand. Es wurde nicht bloss gepriesen,auch einzelne Sprüche wurden dorther geholt. Hugo von Trim-berg am Schlüsse des Jahrhunderts rühmt es dankbar; Boner