434 AF SAXOS HISTORIES SYV SIDSTE BÖGER VED MÜLLER.
historische Wahrheit darin überlassen; denn diesen kann, dochGemüth, Sinn und Gefühl für die nach freien Gesetzen wirkendepoetische Kraft des menschlichen Geistes eigen sein. Dass der,welcher nach den Forderungen unserer Zeit Geschichte schreibt,von der Sage, da wo keine Vergleichung mit historischenDenkmälern möglich ist, wenig Gebrauch machen könne, darfman zugeben, ohne dass man damit behauptet, es sei ganz undgar nichts Geschichtliches darin enthalten. Mag auch dashistorische Element, das, wie- man doch wohl annehmen muss,bei ihrer Entstehung mitwirkte, sich sehr bald verflüchtigthaben und völlig unkenntlich geworden sein, so ist doch nichteinzusehen, warum sie bei ihrer Fortdauer und weiteren Ent-faltung, eben weil sie allem, was das menschliche Leben be-rührte, offen stand, nicht auch geschichtliche Ereignisse wie-derum habe aufnehmen können. Ein Beispiel gewährt unsereNibelungensage. Sie kennt den Hunnenkönig Attila als einenmächtigen, aber halbbarbarischen Herrscher, wie ihn sein Zeit-genosse Priscus beschreibt, und erzählt den Untergang des bur-gundischen Königs Gundichari und seines ganzen Geschlechtsdurch die Hunnen, was als historisches Factum hinlänglich ver-bürgt ist; von allem dem aber weiss die ältere Sage in den727 eddischen Liedern noch nichts, und dass es nicht auf gelehrtemWege in das deutsche Gedicht gekommen sei, glaubt Rec. ausmehr als einem Grunde. Auf diese Weise mögen in Saxos [Werke],wie in den altnordischen Sagen, selbst in den verachteten Stamm-tafeln des Langfedgatal, wirkliche Helden und ihre Thaten sogut wie mythische einen Platz gefunden haben, und es ist einIrrthum, wenn man glaubt, eine erweislich spätere Einmischunghabe eine gleichmässige Umwandlung des Ganzen zur Folgegehabt. Und dass sie in diesem Zustande, in welchem Altesund Neues noch neben einander stehen können, dennoch überandere Dinge, die keine Geschichte sind, z. B. Privatleben,innere Verhältnisse, Rechtszustaud überraschende Aufschlüssegeben können, wenn man sich von Ungläubigkeit ebenso wievon einer schwächlichen Gläubigkeit frei hält, davon ist Rec.überzeugt.
Die Vorrede enthält die erfreuliche Nachricht, dass der