422 D I E DEUTSCHE HELDENSAGE VON WILHELM GRIMM.
edlerem Metall aus früherer Zeit läuft noch hindurch. In demLiede von Siegfried ist jener alte Geist erstarrt, ohne lebendigeBewegung, dem Erlöschen nah, endlich in der BearbeitungCaspars von der Röhn die Poesie völlig abgestorben. Das elfteKapitel behandelt einen schwierigen Gegenstand, die Erhaltungund Fortbildung des Epos durch die Sänger und durch dieSchrift. Der Verf. hat zusammengestellt, was er darüber auf-finden konnte, ohne Zweifel werden sich in der Folge nochweitere Aufklärungen ergeben. Hieraji schliesst sich eine ge-schichtliche Übersicht des Verhältnisses, in welchem das Eposzu der jedesmaligen Bildung der Zeit stand. Es genoss früheund lange Zeit hindurch der höchsten Achtung, begann mitdem Aufkommen der höfischen Dichter zu sinken und fiel zu-letzt noch in die Hände der geistesarmen Meistersänger. In57 dem dreizehnten Kapitel wird eine wichtige, bis dahin aufge-schobene Untersuchung über das Wunderbare in dem Epos vor-genommen. Das Übernatürliche scheint allerdings in frühererZeit mächtiger gewesen zu sein und sich allmählich zurückgezogenzu haben, obgleich es nicht ganz entbehrt werden konnte undsogar in einigen Stücken auf eine gröbere Weise wieder ein-geführt w urde. EJnige_ allgemeine Bemerkungen machen denSchluss. I Hier wird die Frage über den Ursprung der Sagewieder aufgenommen. Die Entwickelung aus der Geschichte,auf welche Beziehungen vorkommen, wird bestimmt geleugnet,dagegen nicht in Abrede gestellt, dass wirkliche Ereignisse, in-sofern sich in ihnen der Geist des Lebens oder, wem dies deut-licher ist, das ideale Dasein kund gab, Anlässe der Dichtungmögen gewesen sein. Nur an das, was wir historische That-sachen nennen, kann dabei nicht gedacht werden. Ausser die-sem geschichtlichen, gleichsam leiblichen Element wird aberauch ein geistiges anerkannt. D as Epos ha t den Glauben andas Wunderbare, die bildlichen Ausdrücke für das Übersinnliche,in sich aufgenommen. Beides einigt sich in dem Begriffe desvollen Lebens, welches abzuspiegeln zu allen Zeiten und beiallen Völkern der Beruf der Poesie war, welche eben deshalbnie mals ohne innere Bedeutung, einen geistigen Mittelpunkt be-stehen konnte. Vorerst also nimmt der Verf. einen rein poe-
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