420 D I E DEUTSCHE HELDENSAGE VON WILHELM GRIMM.
und zukünftigen Forschungen eine reine Grundlage liefern
54 wollte. Indessen konnte er sich, als der ziemlich lange, mit-unter unbequeme Weg zurückgelegt war, nicht versagen, eineÜbersicht der Resultate, die er glaubte gewonnen zu haben,anzufügen. Andere werden weiter gehen, glücklicher undscharfsinniger beobachten. Die zweite Abhandlung beschäftigtsich also mit dem Ursprünge und der Fortbildung desdeutschen Epos. Sie enthält sich des überwiegenden Vor-theils wegen, den eine solche scharf begrenzte Untersuchung inder gegenwärtigen Lage der Dinge gewähren musste, aller Ver-gleichung mit ähnlichen Erscheinungen bei anderen Völkern.Der Verf. unterscheidet zuvorderst die Heldensage von derGöttersage, der bildlichen Darstellung des Übersinnlichen, undberührt die zwei verschiedenen Ansichten, die sich über dieersten bemerklich gemacht haben. Die eine sieht in der Helden-sage abermals eine nur noch tiefer verhüllte Göttersage, dieandere völlig entgegengesetzte nimmt eine rein geschichtliche,nur poetisch ausgeschmückte Grundlage an. Nachdem die Ver-legenheit, in welche jede dieser Meinungen sehr bald geräth,angedeutet ist, bezeichnet der Verf. den Weg, den er einzu-schlagen gedenkt. Er setzt die Entscheidung noch aus undlegt eine Reihe von Beobachtungen vor, in der Hoffnung, dassdiese uns dem noch verborgenen Ziele näher bringen. EineÜbersicht der ganzen Sage, wie sie sich in den erhaltenenDenkmälern darstellt, musste vorangehen. Die nordischenDichtungen, denen ein deutscher Ursprung beigelegt wird,treten dabei nur in die Lücken ein. Jetzt wird die historischeAnlehnung betrachtet, und hier ergibt sich das Resultat, dassdie Sage das Frühere ist, die Einmischung der Geschichte dasSpätere. Sodann werden Beispiele von Anknüpfung und Ver-
55 Schmelzung verschiedener Sagen nachgewiesen. Manchmal istdie Scheidung in das Ursprüngliche leicht, manchmal dringtdie aus einer solchen Verknüpfung erwachsene Veränderungbis zu der ersten Grundlage, zerstört den alten Zusammenhang,schafft aber einen neuen. Verschieden hiervon sind Erweite-rungen der Sage ohne Einmischung einer anderen. Sie stellensich meist als spätere Zusätze dar, aber es gibt auch Fälle,