GEDICHTE WALTHERS VON DER VOGELWEIDE VON LACHMANN. 395
friedigung daraus schöpfen können. Er ist Dichter in vollemSinne des Wortes. Seine Stimme tönt mit in jenem grossenChor, der aus allen Zeiten uns entgegenschallt und niemalsverstummen wird. Neben jener ursprünglichen Gabe, die, ankeine Bildungsstufe gebunden, sich als ein freies Geschenk desHimmels äussert, finden wir bei Walther jenen Scharfsinn undjene Feinheit der Gedanken, jenes Selbstbewusstsein, welchesden vorzüglichsten Dichtern des 13. Jahrhunderts eigen ist undüber den geistigen Zustand desselben das wahrste und sichersteZeugnis ablegt. Es war kein erborgter Glanz, keine für wenigAugenblicke hervorgelockte Blüthe, sondern eine auf breiterGrundlage ruhende, in allen Verhältnissen jener merkwürdigenZeit begründete Bildung, die ohne Zweifel ihre Irrthümer undEinseitigkeit mit sich trug, aber selbständig auftrat und derAchtung nicht bloss werth ist, sondern sie fordert. Freilich miteiner ungefähren Kenntnis der Sprache kommt man nicht fort,und wer etwa hier und da eine Strophe lesen und den äusseren 2038Zusammenhang errathen kann, versteht gerade am wenigsten.Wer aber das Ganze wirklich versteht, kann unmöglich auf dieBehauptung gerathen, die wir mit Erstaunen in einer vor kur-zem öffentlich gehaltenen, an sich wohlmeinenden Rede gelesen:dass die Dichtungen dieser Zeit nur für die Geschichte derSprache und poetischen Entwickelung Werth hätten, nicht aber,wie die Erzeugnisse des klassischen Alterthums, an und fürsich selbst den Geist reizen und beschäftigen könnten. Ver-glichen werden mit jenen unsterblichen Werken sollen sie nicht,das würde auf beiden Seiten keinen rechten Vortheil bringen,aber an einer Stelle dürfen sie sich wie jene aufrichten undihren Werth geltend machen. Und um nicht mit bloss all-gemeinen Betrachtungen zu schliessen, so fragen wir ohnelange Wahl, ob wohl das griechische Alterthum ein Lied vonder innigen und grossartigen Gesinnung wie das letzte hier inWalthers Sammlung: owe war sint verswunden alliu miniu jär!von sich weisen würde? ob Epimenides Klage edler lautenkönne? und ob die römische Litteratur etwas dagegenzustellenhabe? Wilh. Grimm.