GEDICHTE WALTHERS VON DER VOGELWEIDE VON LACHMANN. 393
Erklärung: Wan manch dinc verdirbet Des man niht enwirbet,Daz niemer verdürbe Der ez mit vlize würbe. Er ahmt Frei-dank 1225 nach.
Wir haben noch die Bemerkung nachzuholen, dass sämint-liche Gedichte in vier Bücher abgetheilt sind, einigermassennach dem Inhalt, doch nicht mit strenger, an sich weder ange- 2035'nehmer noch natürlicher Absonderung. Das erste Buch enthältmeist die politischen oder geschichtlichen und die moralischenoder wenn man lieber will philosophischen Gedichte; ein geist-licher Leich eröffnet die Sammlung. Das zweite und dritteBuch begreift vorzugsweise Minnelieder, in dem vierten stehendie äusserlich unbeglaubigten, es dürfte auch wohl Einiges dar-unter sein, was nicht von Walther herrührt: mögen es die mitSicherheit herausfinden, die mehr Vertrauen auf ihren Scharf-sinn haben! Anderes Ungewisse ist an schicklichen Stellen inden Anmerkungen eingerückt, das Übergangene in der Vorredeangezeigt. Auf eine vollständige Sammlung konnte es, so langenoch nicht alles wiedergefunden ist, nicht abgesehen sein.
Dürfen wir noch einmal auf den Dichter zurückkommen?Wir vernehmen ihn am liebsten, wenn er die Welt und ihreGeschicke betrachtet und über das Wunder des menschlichenDaseins nachsinnt. Der Blick ist frei und kühn, es liegt etwasGrossartiges in seiner Betrachtung und das Gefühl einer edlenund vornehmen Natur, die jeden Schein verschmäht. Er zeigtnirgends Lust, sich in ein günstiges Licht zu stellen oderSchwächen zu verbergen, obgleich er sich seines W.erthes wohlbewusst ist. Dieser feste, männliche Sinn macht die Eigen-thümlichkeit seiner Natur aus, und seine Minnelieder entbehrendaher jenes schwärmerische, sehnsüchtige, oft weiche, manchmalüberzarte Gefühl anderer Dichter, aber sie sind naiv, höchstanmuthig, überraschend und glücklich in den Wendungen undauch da, wo sie an das Sinnliche streifen, voll Grazie. Erist ein Mann, dem es auf der Welt wohl gefallen könnte, weiler es versteht, ihre Freuden zu gemessen, aber er fühlt sichgedrungen, in die Tiefe und Höhe, in die Vergangenheit und203SZukunft zu schauen: liezeri mich gedanke fri, son wiste ich nihtumb ungemach, ruft er selbst aus. Eine grosse Anhänglichkeit