388 GEDICHTE WALTHERS VON DER VOGELWEIDE VON LACHMANN.
machen, sein Bestreben war, den besten Text, nicht wie eretwa sein könnte, sondern so weit er sich erkennen liess, her-zustellen. Es könnte jemand, der sich mit dem bereits Erlern-ten und der daraus gebildeten Theorie vertraut gemacht hätte,was die Handschriften gewähren, als eine rohe Masse betrach-ten, in die er kritisch einzuschneiden und die regelrechte Formherauszubilden befugt sei. Ein solches Verfahren würde einegewisse Befriedigung gewähren und im besten Ealle ein wohl-gerathenes Exercitium aufstellen; aber auf solche Weise behan-delte Denkmäler hören auf, Quelle des Sprachstudiums zu sein;wir reden nicht von einem anderen Falle, wo ungefähre, für denNothbehelf dienende Kenntnis der Grammatik so etwas unter-nimmt und unter dem Schein einer kritischen eine für denlebendigen Gebrauch völlig werthlose Fabrikarbeit liefert.
Nach diesem Grundsatz verschmäht L. jede Verbesserung,selbst die glänzendste, von der nicht zu erweisen steht, dass siezugleich die wahre ist, und bloss wahrscheinliche Vermuthungen2029 haben niemals im Text selbst, nur in den Anmerkungen einenPlatz erhalten; er lässt lieber das Unverständliche und Verderbte• stehen, bis sich einmal bessere Auskunft findet. Hier also istnoch immer zu lernen, Fehler werden an den Tag kommen,wo wir noch keine erblicken, und scheinbar Fehlerhaftes wirdsich rechtfertigen; kurz die Quelle für weitere Forschungen istuns erhalten. Auf der anderen Seite setzt er entschieden durch,was er als sichere Regel anerkannt hat, er ändert die Ortho-graphie, um Gleichheit im Auftakt zu erlangen, führt z. B. deichein, wo die Handschriften daz ich haben, tilgt die spätere Formbeschehen, die alemannische in kilche; und aus diesem Grundeerscheint in seiner Behandlung des Textes eine eigene Mischungvon Kühnheit und Furchtsamkeit, welche dem, der die Lageder Dinge nicht jedes Mal genau kennt, noch mehr auffallenmuss. Überlegt hat es der Verfasser gewiss, wo er ändertund wo er stehen lässt; glaube niemand, dass flüchtige Keck-heit oder Nachlässigkeit dabei wirkten. Aber wie leicht jederVerständige in Ansehung des Grundsatzes selbst übereinstimmt,und wie trefflich er sich hier bewährt hat, denn man brauchtnur das erste, beste Lied der Bodmer'schen Ausgabe mit der