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2 (1882)
Seite
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386 GEDICHTE WALTHERS VON DER VOGELWEIDE VON LACHMANN.

gelesen. Er hat auch jene Offenheit und Sicherheit desGeistes, die dem Dichter geziemt, und äussert sich unverhohlenüber alles, was ihn eben bewegt, sei es sein innerer Zustand,

2026 seine Lage zur Welt, seine trübe oder heitere Stimmung oderbeider Streit in seiner Seele. Mag es sein, dass er durch dieseEinmischung der Wirklichkeit den Anfang zum Verderben derPoesie gegeben, wie man ihm vorgeworfen hat, denn er zehrtdas Kapital auf, von dessen Zinsen sie leben soll, so thut mandoch wohl, eine solche Betrachtung hier noch bei Seite zusetzen und erst da geltend zu machen, wo Nachahmer oder Dich-ter von geringeren Gaben sich durch ein solches Beispiel be-rechtigt glauben, den falschen Weg einzuschlagen. Ursprüng-liche Dichter haben so zu sagen das Vorrecht, zu irren und dasMangelhafte der menschlichen Natur neben dem Herrlichsten,was sie gewährt, zu offenbaren. Ein anderer Antrieb, Wal-thers Gedichte in reinerem Text herzustellen, lag in der ver-dienstvollen Schrift Uhlands, der durch ein mit Sorgfalt undfeinem Sinn zusammengestelltes Leben des Dichters die Auf-merksamkeit für ihn geweckt hatte und den besten Lohn fürseine Bemühung hier empfängt, wo ein genauer und kritischerText ihm die Möglichkeit gewährt, seine verdienstvolle Arbeitnochmals mit sicherem Erfolge vorzunehmen und ihr eine festeGrundlage zu geben. Sei er schönstens dazu eingeladen!

Schon vor elf Jahren hatte Hr. Prof. Lachmann den Vor-satz zu gegenwärtigem Buch gefasst, und bereits waren Probenseiner Arbeit erschienen. Ein Mitarbeiter, Hr. Prof. Köpke,ist abgetreten, und er selbst wohl durch die Entwicklung derdeutschen Philologie, an der er den thätigsten Antheil genom-men, in seinem Vorhaben ebensowohl aufgehalten, als gefördertworden. Während dieser Zeit haben sich auch die Quellenerweitert, und dass Hr. Prof. Lachmann nicht versäumt hat,sich den Zugang zu verschaffen, beweist das in der Vorrede

2027 gelieferte ziemlich ansehnliche Verzeichnis. An uns wäre esjetzt, auseinanderzusetzen, wie der Verfasser diese Quellen be-nutzt und überhaupt seine Aufgabe gelöst hat; allein Rec. fühltseine Ungeschicklichkeit im Loben, die um so grösser ist, als ergerade sehr viel zu loben hätte. Er würde auch nur denen