312 WESTENDORP, HUNEBEDDEN.
deshalb dürfe man nicht den Glauben an Seelenwanderung ver-muthen, wohl aber an Unsterblichkeit der Seele, indem manSorge für einen glücklichen Zustand nach dem Tod getragenhabe. Nicht bloss arm und bedürftig muss aber das Volk ge-wesen sein, auch gewohnt in Krieg und Streit zu leben, dasbeweisen die Waffen, die dem Todten noch mit ins Grab ge-geben wurden und ein Zeugnis von seiner wichtigsten Be-schäftigung im Leben sind.
Diese Resultate hat der Verf. durch aufmerksame Betrach-tung gewonnen, liec. wünscht, er hätte jede Vergleichung mitNomaden, den Hottentotten und wilden amerikanischen Stämmen,auf die er öfter zurückkommt, aufgegeben.
697 Mögen Nomaden, Hottentotten und wilde amerikanischeStämme ihre Leichen eine Zeit lang bewahren und dabei vonreligiösen Ansichten und Gebräuchen geleitet werden, diesegrossen, mühsam vollbrachten Steinbauten über der Asche einesgeehrten Todten zeigen einen ganz anderen geschichtlichen Sinn,der nur Völkern einer höheren Bildung eigen zu sein pflegt.Wie sie der Nachwelt das Andenken ihrer Helden, Anführeroder Priester zu erhalten gedachten, ebenso war von ihnen dieVergangenheit in Denkmälern geachtet und in Sagen und Liedernbewahrt. Welcher Schluss ist natürlicher, als dass dies Volk,welches die Hünenbetten errichtete, einer eben so geistigenAusbildung sich erfreute, als jenes, dessen Thaten Ossian be-singt und dessen Denkmäler und Grabstätten, wenigstens nachseiner Beschreibung, an rauher Einfachheit diesen gleich standen.Spricht nicht das berühmte Stonehenge in England gegen des
698 Verf. Ansicht, indem es zu viel Bildung und Verstand in An-lage und Ausführung zeigt, als dass man es einem* wilden undrohen Volke zuschreiben dürfte? Es mag leicht einer etwasspäteren Zeit angehören (denn man glaubt, die Steine seien mitdem Meissel bearbeitet, und noch jetzt fühlbar sind die Zapfenauf den aufrechtstehenden Felsen, in welche die Decksteine vonoben, gewiss mit künstlichen Vorkehrungen, eingesenkt wurden),aber ganz sichtbar ist es in dem Stil der Hünenbetten und vondemselben Volk erbaut, wiewohl viel prächtiger und grossartiger,und diese Verwandtschaft erkennt Hr. Westendorp auch an.