BARLAAM VON KÖPKE UND WIGALOIS VON BENECKE. 237
ich hatte mich vermezzen e,
do ich daz maere enbarte
von dem guoten Gerharte,
hatte ich mich daran versumet iht
daz lihte tumbem man geschult,
daz ich ze buoze wolde stan,
ob mir wurde kunt getan
ein ander maere, dast geschehen.Die Wiener Handschrift ist freilich auf Papier vtnd aus dem15. Jahrhundert; wenn wir ihren baldigen Abdruck wünschen,so geschieht es dem für die deutsche Sagengeschichte merk-würdigen Inhalt zu Gefallen; wer inzwischen die plane, ver-ständige Schreibart des Dichters aus seinen übrigen Werkenstudirt, wird so ziemlich im Stande sein, den wahren Text über-all herzustellen. Hier ist einmal (leider der seltenere Fall)Stoff aus der mythischen deutschen Geschichte geschöpft x ),während Wilhelm von Orlenz der französischen Quelle nach-gedichtet wurde, freilich veredelnd. Gleichwohl stellen wir nichtbloss diesen letzteren, sondern auch die Weltchronik unter denaltdeutschen Gedichten, die sich demnächst zur Herausgabeeignen, oben an. Rudolf von Montfort ist kein glänzenderDichter, wie Wolfram von Eschenbach, kein lieblicher, wieGottfried von Strassburg, auch nicht so eindringlich, wie Hart-mann von der Aue, allein Stil und Gedanke haben bei ihmeine bescheidene Natürlichkeit und sehr gleichmässige Haltung. 2083Sein heller Verstand neigt sich zur ernsthaften, frommen Be-trachtung, daher auch zu geistlichen Stoffen. Die Legende vonBarlaam ist eine stillbegeisterte Lobrede auf die Würde undReinheit des innerlichen Christenthums im Gegensatz zur heid-nischen Weltlichkeit. Den Inhalt dieser edelen, durch diepassendsten Gleichnisse und Beispiele erläuterten Sage hat derdeutsche Dichter höchst angemessen behandelt und wirklichnirgends weder zu viel noch zu wenig gethan. Man darf aufden Verfasser und seine Gabe selbst die schönen Worte an-wenden, die er einer genügsamen Armen in den Mund legt(137, 38):
') Einen vorläufigen Auszug der Fabel vom guten Gerhart vermisst manungern im zweiten Bande der Grimm'schen Sammlung deutscher Sagen.