MÄRCHENSAAL VON VALENTIN SCHMIDT. 225
einzelner schöpferischer Geister" stattfinde. Das eigentlichVolksmässige (von keinem bestimmten Dichter Erzeugte?) wirddaher nach seiner Meinung niemals Eigenthum eines fremdenVolks und bezeichnet sich durch „eine gewisse Einseitigkeitund bewusstlose Dürftigkeit bei innerer Vollendung". JeneDichtung eines schöpferischen Geistes aber „macht sich gewalt-sam Bahn, weil es in jedes Menschen Brust einen Anklangfindet, und wie der Handel die getrennten Völker und ihre Er-zeugnisse in Verkehr setzt und mit der Befriedigung das Be-dürfnis schnell wächst, so ist es mit dem geistigen Bande, dasbesonders im Mittelalter die europäischen Völker verknüpfteund nicht bloss die wenigen Gelehrten in Berührung brachte.Das wahrhaft lebendige, harmonisch geformte Erzeugnis derPhantasie in der Gestalt des Märchens, der Novelle, der Fabel,des Schwanks ergriff den Hörer und pflanzte sich mit reissenderSchnelligkeit von Mund zu Mund fort; das Äussere erlitt Ver-änderung, aber das Wesentliche der Sache blieb". Diese An-sicht hat ihre grossen Schwierigkeiten; eine solche ausserordent-liche, reissend schnelle Fortpflanzung von Munde zu Mundebis in die einsamsten Berggegenden bleibt immer eine ArtWunder. Durch so verschiedenartige Sprachen gehen ja dieSagen hindurch, selbst hinüber zu geographisch getrenntenVölkern; auch lässt sich nicht gut die an verschiedenen Ortensich findende, sehr abweichende und doch ursprünglich er-scheinende Bildung derselben Sage erklären, so auch, dassmanchmal gerade das Wesentliche in Sache und Form die Ver-änderung erleidet. — Wir empfehlen dem Verf. zunächst dieunter dem Titel gesta Romanorum bekannte Sammlung vorzu-nehmen, welche zu mancherlei Untersuchungen Anlass gibt.
[anonym.]
W. GRIMM, KL. SCHRIFTEN. II. 15