EINLEITUNG IN DAS NIBELUNGENLIED VON MONE. 215
Herabsinken von dem Rein-Göttlichen in das Menschlich-Um-hüllte später aus blossem Bedürfnis poetisch-sinnlicher An-schauung stattgefunden, oder ob es gleich als ein solches ver-mittelndes, nur halb sichtbares Abbild ein nothwendiges Gliedin dem Kreise gewesen? Diese Frage kann so lange ruhen, bissie einmal mit Nutzen zu beantworten neue, doch kaum zuhoffende Hilfsmittel möglich machen; jetzt würde man sichmit allgemeinen Schlüssen nach der Analogie zu begnügenhaben. Die Aufgabe ist fürs erste wohl nur diese: die imGanzen sowohl, als in den Einzelnen ruhende Idee aufzuhellenund die Spur der ihnen ohne Zweifel innewohnenden Göttlich- 1861keit so hoch als möglich zu verfolgen. Dabei ist es unumgäng-lich nöthig, die Sage in allen ihren Äusserungen zu übersehen,namentlich kann die nordische, in dieser Beziehung viel reinereauf keine Weise bei Seite gesetzt werden; selbst an die noch'gangbaren Überlieferungen (Hausmärchen II, Stück 4 — 8) mussRec. erinnern.
Der Verf. dagegen schlägt einen anderen, eigentlich ent-gegengesetzten Weg ein, der von der Spitze anhebt. Nachdemim Allgemeinen (§ 59 — 63) die Hilfsmittel richtig angegebensind, durch welche der alte Glaube noch zu erforschen ist,kommt der Verf. auf die Einheit der Grundanschauungen allerVölker als nothwendige Folge der Einheit des Menschengeistesund merkt an, dass die tiefsten und allgemeinsten Ideen in derAnschauung des planetarischen Lebens gelegen. Darauf ge-denkt er jener verbreiteten Mythe von dem Tode eines gutenGottes durch einen arglistigen Feind, wodurch die ganze Weltbewegt und in Trauer versetzt wird; weil aber der Gott ewigund unvergänglich ist, erscheint er zu seiner Zeit aufs neueund wird wiedergeboren. Bekanntlich: Kommen und Scheidendes Lichts, Tag und Nacht, Sommer und Winter, Ab- und Zu-nahme des Mondes. Diesen Mythus, schliesst der Verf., müssendie heidnischen Deutschen auch gehabt haben, und er sucht ihnnun in der Sage von Siegfried. Seine Aufgabe ist, jene dreiangedeuteten Momente: Tod, Trauer und Wiedergeburtnachzuweisen, wir wollen ihm dabei näher folgen.
Siegfried wird sogleich (§ 68) für den Sonnengott der