212 EINLEITUNG IN DAS NIBELUNGENLIED VON MONE.
man am Ende doch zugestehen müsse, dass jedes alte Helden-gedicht eine geschichtliche Umwandlung des alten Glaubenssei. Es ist wahrscheinlich, dass, wer das letztere zugibt, auchdas erstere nicht geradezu verneinen wird, allein, dass man jeneBehauptungen so ohne Widerspruch durchsetzen könne, dünktuns sehr zweifelhaft. Z. B. Hr. von Schlegel muss bei seinerAnsicht, wornach das Gedicht aus allerlei Sagen, fränkischen,burgundischen etc. nach vorsetzlichem Plane zusammengearbeitetund mit holden Lügen ausgeschmückt ist, eben so stark sichdagegen äussern, als über die Zusammenstellung des Atlas mitAttila, deren doch hier in Ehren gedacht wird. — Wenn § 34drei Perioden für die Bildung des Nibelungenliedes festgesetztwerden, so ist dabei nicht zu vergessen, dass dies mehr ausallgemeinen abgezogenen Grundsätzen geschieht, als dass deut-lich redende Zeugnisse dazu auffordern. Stellt man sich dasNibelungenlied vor in einer stets lebendigen Bewegung unddarum auch Fortbildung, glaubt man ferner, dass, sobald espoetischen Leib und Dasein erhalten, es schon in Mannig-faltigkeit sich äusserte und den Keim der verschiedenen Bil-dungen in sich trug, so wird man eine solche Annahme erstohne Gefahr für die Wahrheit sich erlauben dürfen. Es istnicht mehr als eine Handhabe, um die Veränderungen zusammen-zufassen, wie man etwa das Menschenalter zu 30 Jahren an-nimmt, während es meist darüber oder darunter endigt. Einen1859 Zweifel gegen die erste Periode werden wir hernach vorbringen.Bei der geschichtlichen Erklärung, nachdem besonders auchdas neben der aufgefundenen Übereinstimmung zwischen Sageund Geschichte Hervorspringende, Abweichende und Wider-sprechende aufmerksam gemacht ist, tritt die Meinung des Ver-fassers (§ 52) bestimmt hervor. Nämlich: es liegt dem Nibe-lungenlied keine Geschichte zu Grunde, vielmehr be-ruht es auf der alten deutschen Glaubenssage und ist seinemUrsprünge nach ein heidnisch - religiöses Werk. Als mit demUntergang der alten Götter die Sage ihren eigentlichen Inhaltverlor, wurde ihm aus innerem Bedürfnis jener geschichtlicheAnschein gegeben, und die Thaten aus der Zeit der Völker-wanderung machten jetzt den Hintergrund der alten Sage aus.