192 DER NIBELUNGEN NOTH VON LACHMANN.
wortet: wie hat der Dichter des Ganzen die Einzelnheiten derverschiedenen Dichter und weitere Überarbeitungen in einen sogleichmässigen Guss gebracht? Wir müssen ihm nun auch inder Form grosse Freiheiten zugestehen, dem Stoff nach ver-stehen sie sich von selbst, da ihm jene bedeutende Einwirkungauf das Gedicht durch Einrücken ganzer Personen, wie vielleichtRüdigers, anheimfällt; dem Dankwart gelingt es nicht recht,sich in die Fabel einzufügen (Note 38); in dem Abschnitt vonSiegfrieds Jugend und Fahrt rührt auch vieles von ihm (S. 72).Sogar eigene Erfindungen des Dichters denkt sich der Verf.auch, wie wir daraus abnehmen, dass er sie beim Traume derChriemhilde aus anderen Ursachen ableugnet. Von diesemTraum heisst es (S. 70), er sei so zart gehalten in jeder Zeile,dass er nur von diesem Dichter des Ganzen herrühren könne,wenn er auch aus einem älteren Liede hergenommen sei. Dieses„wenn" ist aber hernach Anmerkung 71 der einzige Grund,warum dieses Lied so schön ist, denn ein anderes, von ihm,wie Hr. Lachmann vorstellt, eingerücktes, worin Günther unddie übrigen Siegfrieds Tod schwören, ist mangelhaft, und zwardeshalb, weil es nicht nach der Sage, sondern aus eigenenMitteln hinzugedichtet ist. (Also das Frischlebendige hättedoch nur in der Sage seinen Ursprung, und dieser Dichter, denHr. Lachmann, nach dem, was er ihn thun lässt, einen herr-lichen nennen sollte, wird matt, wo er selbst reden muss.) Wirlassen das ruhen, aber wenn diesem Dichter so viel Freiheitfür Stoff und Form muss zugeschrieben werden, wie wird esbegreiflich, dass er das Verworrene, die Nähte der Zusammen-fügungen, ja den Widerspruch, von dem doch Hr. Lachmanneinige starker Art, z. B. die Klage Hagens über DankwartsTod, während dieser noch lebt, annimmt, nicht bemerkt, sondernaus den einzelnen Liedern aufgenommen, gleichsam gebilligt759hat? Dem flüchtigsten Übersetzer wird man heut zu Tag der-gleichen nicht zu gut halten; auf der anderen Seite ist jenerDichter so geschickt, dass man bei unzweifelhaften Zusätzen,wie die Stadt Wien ist, die Einfügung nicht erkennen kann.Auch Achtung oder Rücksicht für die Überlieferung kann ihmHr. Lachmann nicht beilegen, eben der Freiheit wegen, die er