]90 DER NIBELUNGEN NOTH VON LACHMANN.
Lachmanns Ansicht aus unserer Nibelungennoth gezogen, ge-rade in jenem anderen Gedicht gefehlt oder nur habe fehlenkönnen, wird Rec. sich nicht leicht vorstellen. Es bleibt also,bis stärkerer Beweis geführt wird, jenes Gedicht eine andereDarstellung der Sage, in einigen Stücken sehr übereinstimmend,selbst wörtlich, in anderen abweichend. Dafür aber einenneuen Dichter und eine neue ursprüngliche Gestalt, wie Hr.Lachmann thun muss, anzunehmen ist, wie gesagt, ein schwie-riger Entschluss, weil man nämlich damit einen, welchen mannun zum jüngsten machen will, des Plagiats beschuldigt. Eineranderen Ansicht ist dagegen dieses Verhältnis ganz willkommen:Übereinstimmung selbst bis in das Einzelne, Abweichung da-757 neben in unzählbaren Stufen bis zu grossen anders angeschautenund verstandenen Theilen der Sage; darin besteht ja die nach-zuweisende Eigenthümlichkeit aller Volksdichtung. Das ist dierechte Einzelheit, die für sich lebt und doch stets auf dasGanze weiset und von ihm das Leben hat: über allem Einzelnenschwebt eine unergreifbare Einheit und verbindet sie. Ist dochmerkwürdig und nicht zu übersehen, dass selbst jene drei zueinem Stamme gehörigen Hss. der Nibelungen, so von einanderunabhängig sind, dass keine von der anderen unmittelbar kannhergenommen sein, sondern jede ihr Eignes hat.
Wir wollen nun ohne Rücksicht auf diese Einwürfe Hrn.Lachmanns Vorstellung an sich betrachten. Er nimmt eineursprüngliche Gestalt des Ganzen an als eine wirklichdagewesene. Die erste Frage lautet: wo und bei wem ist diesezu suchen? Eine unmittelbare Antwort findet Rec. in derSchrift nicht und muss demnach jene Frage anders stellen: vonwem rühren die mannigfachen Abänderungen, überhaupt diedurch die Untersuchung aufgedeckten Eigenschaften des Liedes?Wir finden überall die Auskunft: von Dichtern, Ordnern, Dia-skeuasten, Kritikern. Nirgends aber wird bemerkt, also wohlgeleugnet, dass sich etwas volksmässig in dem oben bemerktenSinne ohne einwirkende Absicht anders gestaltet hätte.
Jene Eigenschaften, wie sie in dieser Schrift dargelegtworden, sind verschiedener Art und wohl zu unterscheiden.Ein Theil betrifft das Ganze, z. B. die noch sichtbaren Nähte