164 NIBELUNGEN UND GIBELINEN VON GÖTTLING.
das ist die Wirkung geistiger Berührung der Völker, dass einLicht früher schon einbricht und sich ein neuer Entwicklungs-gang in eigenen Verhältnissen bildet; ob zum Vortheil, hängtvon der Kraft der eigenen Natur ab. Nun kommt noch eindritter Umstand: die Gedichte von Artus und dem Gral warenin dieser Gestalt und für uns nicht volksmässig (gewiss ihremUrsprünge nach), wie können sie als Fortbildung der Nibelungenbetrachtet werden? Hier wendet sich der Verf. so: jene Dich-tungen, von einem höheren Streben ausgegangen, konnten nichtdem ganzen Volke eigen sein, da sie eine besondere Weihe er-forderten. Nun zweifeln wir aber nicht, dass sie ursprünglichvom Volke ausgegangen sind, wenn wir aber überhaupt vondiesem reden, denken wir es nicht anders, als dass alles, wasin einem Einzelnen hervorbrechen kann, in ihm begründet istund ihm zugehört, denn jener stellt es nur dar, und es gibtkein höheres Streben, das dem Volk fremd sein kann, oder eswäre gar kein Volk.
Der zweite allgemeine Satz des Verf. ist dieser: Geschichtedrückt sich nothwendig in der Poesie aus, beide sind nicht zuscheiden. Das gefällt uns sehr wohl, besonders wenn wir andas Wesen der Sage denken, aber wenn daraus folgen soll, dassdie Gibellinen und Weifen sich in die Nibelungensage ein-drücken mussten, so leugnen wir ihn. Nämlich das Leben, dasPoetische der gegenwärtigen Geschichte fällt nicht sogleich mitder überlieferten Poesie zusammen, jenes nimmt leicht etwasvon dieser auf und verjüngt es wieder, aber dass umgekehrtdie überlieferte auch die neue Geschichte in sich aufnehme, diealte Form beibehalte, aber die alte Bedeutung aufgebe und eineneue hineinlege, ist etwas ganz anderes, das wir wenigstensin unserem Fall hier durchaus nicht zugeben. Dass es dielebensreichen Griechen nicht auf diese Weise mit ihrem Homergemacht, ist wohl ziemlich gewiss, oder glaubt der Verf. auch,dass in diesem Epos sich jedesmal die neue Bewegung der Zeitvorgestellt habe und von den Dichtern hineingelegt worden sei,gleichsam die alte Münze mit ihrem Bilde gelassen, aber eineneue Inschrift darum gesetzt?