162 NIBELUNGEN UND GIBELESEN VON GÖTTLING.
decken. Sie will einen Schleier wegziehen, worunter die eigent-liche Bedeutung des Gedichts, wie es auf uns gekommen ist,,liege, oder auch einen zeigen, der darüber gezogen worden,und den man bisher noch nicht gesehen. Voran stehe, dasssie mit einer schönen Liebe zur Sache, mit Lebendigkeit undGeist geschrieben ist, woraus, man mag beistimmen oder nicht,dem aufrichtigen Leser eine Freude erwächst, so dass nichtsunwürdiger sein kann, als sie höhnend anzufahren, wie ihr diesesneuerlich, und wie sich denken lässt, von einer gründlichenUnwissenheit begegnet ist.
Die Entstehung des Liedes aus Sagen des Volks bezweifeltder Verf. nicht, spricht auch von einem älteren Liedergeschlecht,welches keinen anderen Dichter als das Volk hatte, und sichnoch in den Gesängen der Edda darstellt; aber das ganze Werkrührt nach seiner Ansicht doch von einem einzigen Dichteroder, wie er sich ausdrückt, es ist in einem Geist und Sinn zueiner Zeit entstanden (vgl. S. 40. 41). Diese Umschreibung istdarum nicht recht passend, weil jener Geist und Sinn, denandere in dem Liede walten lassen, auch einer ist und auchwohl zu einer Zeit aufgefasst sein kann. Doch das ist nichtder Gegenstand der Untersuchung, der Verf. will darthun, dass.in den Nibelungen und Wölfingen hernach die Gibe-linen und Weifen seien ausgedrückt worden. Nämlich,so, dass wie dieser Gegensatz in die Geschichte getreten, manihn nun auch auf die alten Helden der Sagen angewendet undihre Thaten darnach vertheilt habe, wodurch sie eine neue Be-deutung erhalten, während sie vorher ihre eigene, man kann,sagen, natürliche hatten.
Der Beweis hebt mit einigen allgemeinen, wie man auchspricht, philosophischen Sätzen an. Dergleichen ist gewöhnlichan sich recht gut, aber der Irrthum liegt in der Anwendung.682Der erste Satz ist dieser: die deutsche poetische Kraft zeigtsich in drei Gestaltungen, in der Reckenzeit, wo noch Göttermit jugendlicher Kraft in Verbindung mit den Menschen stehen,in der Heldenzeit, wo bloss menschliche Kraft übrig geblieben,,die sichtbaren Götter verschwunden sind, endlich in der Ritter-zeit, wo der wahre Gott durch die Kämpfe verherrlicht wird