118 SENDSCHREIBEN AN GEÄTER.
fort, weil es offenbar dem Sinn nach heisst: in diesem Augen-blick krähte der Hahn, und ich daher höchstens nur etwasbestimmter ausgedrückt habe.
Mein Reo. fragt viel, erstaunt, ruft (wie süss schwärmend)aus: nein! so darf es nicht sein, sonst geht der Geist verloren!Ich will hier auch einmal fragen, wie ein Recensent würdiggelobt werden könne, ob man auskomme mit: redlicher, wahr-heitsliebender, aufrichtiger, der wie dieser solche ganz fehler-hafte sinnentstellende Übersetzungen 1 ), ohne dies mit einemWort zu bemerken, öffentlich vorhält als bessere, demOriginal näher kommende?
Nach demselben Rec. habe ich nirgends poetisch über-setzt und von dem Zauber dieses Liedes jede Spur getödtet.Worin besteht aber die Poesie? In dem Ergreifen des Innerstendes Gedankens, in dem Gefühl desselben, die Worte mögendann fallen, wie sie wollen, kommen sie aus dem Herzen, sowird es ihnen nicht an Gewalt und Eindringlichem fehlen, sindsie noch zierlich gesetzt, so ist es gut, aber Worte ohne jenenfesten Sinn, noch so gut an einander gereiht, sind ein gemeinesSpiel elender aufgedunsener Eitelkeit, das der Sprache Gewaltund Wahrheit unwiederbringlich raubt und sie in ihrem Herzenvergiftet, und das einer, der es nicht verachtet, wie alles Schlechte32 gar bald lernt. Eine jede Übersetzung steht hinter dem Original,das weiss man, nur wo man den Abzug machen will, darüberist man nicht einig. Gegen den Zeitgeschmack, der lieber allesdrauf gibt, wenn er nur die Form wieder erhält, ich lieber andem Ausserlichen, so hab' ich lieber gewollt, dass meine Worteholpriger wären gegen die des Originals, als der Sinn gegenden Sinn des Originals, und eine blosse Assonanz, wozu andereStellen mich genug berechtigten 2 ), war mir lieber als ein Reim,
') Ich hatte bei meiner Übersetzung wohl Herders Fehler gesehen, aberdieser Mann, vor dem ich gern mit Ehrfurcht zurücktrete, gesteht selbst seinegeringe Bekanntschaft mit nordischen Sprächen";—and - es wäre mir nie ein-gefallen, ihrer zu gedenken.
2 ) Um nur ein Beispiel zu geben, in dem ersten Lied von der FrauGrimild sind in den Str. 22 bis 43, also unter 21, an zwölf unvollkommeneoder nicht ganz reine Reime, darunter folgende: Maend Hielm, Lön Born,stang frem, mindste finde.