SENDSCHREIBEN AN GRÄTER. 105
sonst wäre vielleicht aus ihm und Ihrer Feder eine volle Über-setzung der Kämpeviser uns zugeflossen, und mir waren in Hin-sicht des Wenigen, was ich dem Geist nach zu leisten vermogte *),im voraus die Hände in den Schooss gelegt; statt arbeiten zuismüssen, hätte ich Ihr Buch vor mich nehmen und mich poetischerquicken und erbauen können. Freilich dann war ungeboren,womit uns jetzt das neue Magazin Odina und Teutona herrlichbeschenkt. Ich nenne zuerst die Übersetzung eines eddischenLieds ins Griechische**), wäre diese Arbeit vollendet oder garüber das Ganze ausgebreitet, so könnten wir hoffen, in einergeschickten Zurückübersetzung ins Deutsche (gut wär's, könntensie auch noch durch das Arabische etwa laufen) den eigentlichenKern dieser Gesänge aufgebissen zu sehen, wie Salzwasser erstdurch so viele Dornen tröpfeln muss, um gehaltiger zu werden,•oder der Wein in gleicher Absicht die Linie verschiedentlichpassiren. Doch auch dieses wird von anderem noch übertroffen:mögte es Ihnen gefallen, uns weiter aus den öffentlichen allbe-kannten Denkmälern geheime Memoiren über das Einwandernjener asiatischen Heimtücker***) scharfsinnig auszuziehen, so dassherauskommt, was eben kein anderer sieht. Wie deutlich wirdalles, wie greif lieh und verständlich! Man glaubt sich in derNähe der Hofintrigue und sie wie mit eigenen Augen anzu-sehen; sollte man die Hoffnung aufgeben, etwa das Tagebuchdes Listigen aufzufinden, in welchem er offenherzig von seinengebrauchten Mitteln und Ränken spricht, oder, was noch mehrüberzeugen könnte, die Schneiderrechnungen für die prächtigenKleider, in welchen sie ein albernes Hirtenvolk täuschten? Ichmuss noch einmal sagen, wie greiflich wird alles, und denke
*) [Über diese Orthographie s. S. 121.]
**) [Odina und Teutona. Ein Neues literarisches Magazin der Teutsehenund Nordischen Vorzeit. Von F. D. Gräter. Erster Band. Breslau 1812.Bei Carl Friedrich Barth. S. 23 — 45: Über eine griechische Nachbildung inhomerischer Sprache und Versen der nordischen Göttergeschichte: SkirnersFahrt oder die Brautwerbung des Gottes Frey. Ein Programm, geschriebenvon Friedrich David Gräter.]
***) [Ebenda S. 1—22: Der Donnergott und der Asiate Thor. Ein Bruch-stück aus ■ Werdomars Jugendträumen. Geschrieben im Jahr 1793. Vergl.S. XXV : Ein Versuch, den widersprechenden Charakter des Gottes Thor ausder geheimen Geschichte der eingewanderten Asiaten zu erklären.]