DIE EDDA VON FR. RÜHS. 99
Merkwürdig und erfreulich bleibt es, dass noch alle, welche dieMythologie zu ihrem Studium machten, ihr zugethan waren.
Es sei noch erlaubt, seitdem anderwärts hergekommenerÄusserungen wegen aus der vorigen Recension die Behauptungwieder herzunehmen und noch deutlicher aufzustellen, dass esbloss darauf ankomme, zu entscheiden, ob diese nordischenDenkmäler echt, d. h. aus alter Zeit herstammen und keinespätere Erfindung und Lügen sind, wie z. B. in dieser Schrifthier behauptet wird. Ist für jenes entschieden, dann wird sichbestimmen lassen, inwiefern sie historisch berücksichtigt werdenmüssen, nämlich insoweit die Mythen aller Völker historischsind. Zu dieser Bestimmung aber müssen die Resultate derer,welche die Mythen und epischen Gedichte der Völker über-haupt untersucht haben, und die der Historiker zusammenge-nommen werden; nicht aber dürfen letztere allein entscheiden.Durchaus ungerecht ist es, an den nordischen Mythen undSagen den alten Streit ausfechten und sie damit prüfen zuwollen, dass man nachsieht, ob sie genau historisch wahr sind,und jeden Zweifel, den man aufbringt, sogleich als einen Be-weis ihrer Unechtheit wichtig macht. Wir wollten, wenn esdarauf ankäme, solcher Zweifel mit leichter Mühe weit mehreredarlegen. Wer die Wahrheit der modernen Geschichte in denalten Sagen finden will, der irrt sehr, noch mehr aber, wer dieeigenthümliche Wahrheit derselben für Lüge und Verfälschungausgibt, wie derjenige, der sie für geringer hält, als jene: imedlen und rechten Sinne grenzen Wahrheit und Dichtung nahean einander. Wie dies unserer Zeit noch eben in einem herr-lichen Beispiel gezeigt worden, so ist es auch in jenen alten981Denkmälern. Wir meinen nicht, dass diese Ansicht der Kritikund Geschichte Hohn spreche, ja wir nehmen für sie jede Artvon Scharfsinn und Kritik in Anspruch; die Geschichte selbstwird durch sie erweitert, während die andere sie in ihrenschönsten Punkten zernichtet.
W. C. Grimm.