DIE EDDA VON FR. RÜHS. 97
man in Lügen sich herumtreibe, und sind sie nicht ernstlichüberall gemeint? Oder soll man Gründe widerlegen, wie folgenden(S. 31): es werde niemand sich einbilden, dass so rauhe Kriegerein weitläuftiges System religiöser Ideen gehabt, eine vollständigeGenealogie ihrer Gottheiten? als ob nicht bei allen, selbst denausgebildetsten Völkern nur eine besondere Klasse die heiligenGesetze und Geheimlehren der Religion allein hätte bewahrenund lehren dürfen und können, niemals der gemeine Haufen.Baare Unwahrheiten, wie z.B., dass in allen Gedichten dieSprache gleich sei und alle Individualität in den künstlichenSilbenmassen untergehe, welche die ältesten Dichter schon ge-braucht (S. 98) (die alten Lieder, besonders die epischen nochungedruckten der Edda sind einfach und unverkünstelt), oderdass Saxo seine Gedichte selbst verfertigt und nichts darinübersetzt habe (ohngeachtet Nyerup in einer Abhandlung, dieHr. Rühs selbst citirt, das Gegentheil klar in Beispielen gezeigt),werden Leser, welche irgend von der Sache etwas wissen, vonselbst finden; wir sind darauf gefasst, nächstens den ganzenSaxo von Hrn. Rühs vernichtet zu sehen, da es ohnehin mitden Handschriften verdächtig aussehen soll.
Nur einige besonders charakteristische Sätze mögen heraus-gehoben werden: S. 4. „Norwegens frühste Geschichte ist blosseDichtung", d. h. bei Hrn. Rühs: späterhin erfundene leere Un-wahrheit. S. 17. Auch der Namen der Äsen ist erst entstanden,als Mönche ein System über die Bevölkerung [des] Nordens ausAsien bildeten. S. 51. Selbst Snorro theilt mit seinen Zeit-genossen den „allerrohsten Aberglauben, in seiner Chronikkommen die unsinnigsten Geschichten von Hexereien vor".S. 99. „Die Vermuthung ist so unwahrscheinlich nicht, dassSnorro die in seinem Buch angeführten Gedichte selbst ver-fertigt" (solche schleichende Wendungen liebt Hr. Rühs, in 979derselben Art sagt er vom Skaldatal: es habe „nur leichtesGewicht auf der Wage der Kritik"; nachher, wenn es zumSchliessen kommt, gelten solche Annahmen für voll). S. 29.Der Cultus war äusserst roh, die Sitten barbarisch, „diewildeste Grausamkeit, empörender als bei den Irokesen, wardie erste Freude der Helden". S. 38. Alle Cultur kam erst
W. GRIMM, KL. SCHRIFTEN. II. 7