74 NAERENBUCH VON F. H VON DER HAGEN.
erfundenen Scherze zweifelhaft zu werden, indem wir sie überalldoch wiederum so eigenthümlich angeknüpft und verschiedensehen, dass ein Hinzutragen von irgend einem Sammler der-selben kaum denkbar ist, so kommen wir damit auf die frühergeäusserte und noch zurückgeschobene Frage zurück, ob diePersonen, denen sie zugeschrieben werden, auch wirklich gelebtund sich alles auf diese Weise zugetragen habe. Man kanndarauf mit ja und nein antworten, wenigstens hat das ja hiereinen anderen Sinn, als in welchem es der Verf. ausgesprochen.Diese Personen sind nämlich durchaus mythische. Schonwenn man das, was Flögel gesammelt, durchliest, so muss esder leichtesten Betrachtung auffallen, wie sich die Scherzewiederholen in den verschiedensten Individuen, welche Jahr-hunderte oder Länder so trennen, dass an ein äusserliches zu-fälliges Mittheileri oder Abborgen nicht kann geglaubt werden.Ohnehin aber ist oft nicht von einer Handlung, die bloss vondem Einzelnen, sondern die von mehreren abhängig ist, dieRede; wiederum von einer solchen, die einen entscheidendenEinfiuss auf das Leben des Einzelnen gehabt. Wenn wir vonGonella lesen, dass er vor Schrecken über eine bloss fingirteTodesstrafe, da sein Herr ihm bloss einen Eimer Wasser aufden Kopf schütten liess, starb, so wird man ohne weiteres1300 glauben, dass Claus Hinze am Hofe des Herzogs von Pommern,wenn dasselbe von ihm erzählt wird, nicht aus Nachahmung sogestorben sei; so wenig wie der Thürhüter, der mit dem Kalen-berger die Gabe getheilt, den an Tamerlans Hofe sich wirdzum Muster genommen haben. So zeigt es sich auch hier, dassein Mythus lebt, der keinem Individuum zugehört, sondern all-gemein ist, der sich freilich aber immer in einem Individuumäussern muss. Derjenige aber war berufen, den Mythus oderdie Sage besonders aufzufassen, in dessen Natur dazu eine eigeneEmpfänglichkeit gelegt war. In ihm ward wieder lebendig, wasdie Tradition verliehen, und was wir bei der ernsthaften Sageschon mannigfach beobachtet, das vermissen wir auch hier beider scherzhaften nicht; sodann aber was das Individuum nichtgethan oder in ihm nicht zur Äusserung gelangen konnte, wardihm dennoch hinzugegeben aus dem alten Schatz. Dazu kam