60 NARRENBUCH VON F. H. VON DER HAGEN.
sie eigenthümlich deutsch (wiewohl man allerdings auch früherschon Übersetzungen, z. B. des Boccaccio antrifft) und dasssie unmittelbar dem Munde des Volks, unter dem sie lebten,entnommen sind, leidet keinen Zweifel, sobald man sie näherbetrachtet. Es zeigt sich in ihnen alles, was wir an der Sagecharakteristisch erkannt haben: eine Grundübereinstimmung, diedurch alles geht, dann Abweichungen in Geschlechter undStämme, die sich wieder in Äste und Zweige vertheilen, sodass jedem Einzelnen bei seinem unleugbaren Zusammenhangmit dem Ganzen sein individuelles Leben bleibt und jeder kleineBezirk in einem anderen Dialekt redet.
Wir kommen hier auf den Punkt unserer Forderungenzurück. Dieser Charakter der Schildbürger, der vor den übrigen'die gleichwohl ihr eigenes Lob verlangen, unstreitig den Vor-zug verdient, war aus den bemerkten Quellen zu erläutern.Wäre nicht schon der poetische Werth, so würde die merk-würdige Ausbreitung desselben, indem wir ihn nicht nur beiden Deutschen (in mehr als dreissig Gegenden) und den ver-wandten Stämmen, sondern auch bei den Slaven und Ungarn,in Frankreich und England finden, eine besonders aufmerksameBetrachtung fordern. Es waren die einzelnen Sagen aufzu-suchen, zu vergleichen und zusammenzustellen. Das wird manim Voraus schon nicht abstreiten, dass sich aus einer solchenArbeit mannigfache interessante Resultate ergeben müssen. Soist es auf der einen Seite gewiss merkwürdig, dass der Ver-fasser des Laienbuchs, wiewohl ein ganzer Guss in seinem Werkohne Zweifel sichtbar, doch die älteren Quellen oft wörtlichbenutzt hat, z. B. die Geschichte von dem Bauer, der meint erschlafe (C. 37), ist im Rollwagenbüchlein fast mit denselbenWorten erzählt und nur dort mit einigen Zusätzen verbessert.Es ist dies nichts anderes als ein Lob für ihn, da es beweist,wie sicher er den Charakter des Nationalgedichts getroffen.1288 Auf der anderen Seite aber hat er auch manche einzelne Sagenicht so gut und innerlich vollkommen gefasst, wie sie unsanderwärts begegnet (von den ganz fehlenden reden wir nicht),und wenn zwar der Zusammenhang keineswegs vermisst wird,so sind sie doch eigentlich lückenhaft dargestellt; das Beispiel,