38 ALTRUSSISCHER HELDENGESANG VON J. MÜLLER.
Ganzen. — Wo die Geschichte zurückgesetzt wird, da geht derindividuelle Charakter auch meist verloren, wie die Helden imOssian fast nur der allgemeine Gegensatz zwischen edel undunedel, hell und finster unterscheidet und Finjal fast überirdisch,wie ein Geist, dessen Schwert stets vernichtet, wenn er in denKampf geht, erscheint, so zeigt sich auch in diesem Igorliednicht jenes sinnlich Vollendete, Charakteristische, was dasNibelungenlied so ansprechend macht. Nur der Bruder Igors,Wsewolod, unterscheidet sich durch einen noch kühneren Muth,er, „der Auerochs, der die Wolga mit Rudern zersprengen undden Don mit Helmen ausgiessen kann." Wie werden diejenigen,welche die Poesie bloss im Charakteristischen finden, das wirfreilich auch ungemein schätzen, wo es sich findet, sich wundern,wenn es ausserdem noch eine Poesie gibt (denn mit der Un-echtheit kann auch der Ossian nicht mehr abgewiesen werden),die wirklich ist, weil sie aus der Mitte des Lebens hervor-gegangen, und die dennoch in einer ganz anderen Richtung lebtund sich herrlich darin zeigt. Die Poesie hat ein grosses Reich,das nicht umschifft werden kann, alles aber, worüber die Sonnescheint, dass es uns sichtbar geworden, das sollen wir anerkennen.Wenn man den massigen Witz nachahmen und ein Inventarium,wie von den Minneliedern, von dem Ossian und diesem Igor-lied machen wollte, es würde gleichfalls wenig Hausgeräth auf-zufinden sein, und doch kann eine zarte Poesie nicht abgeleugnetwerden. Wir geben nun zur Probe die Klage der Jaroslawnaüber ihren Gemahl Igor S. 63. 64:
„Jaroslawna weint früh in Putiwl auf dem Geländer derStadt und sagt: o Wind, Weher! wozu, Herr, wehst du sogewaltig? wozu trägst du chanische Pfeilchen auf deinen mühe-losen Flügelchen gegen die Heere meines Geliebten? war esdir zu wenig, unter den Wolken über die Berge zu wehen,wogend Schiffe auf dem blauen Meere? Warum, Herr, ver-wehst du meine Freude über Pfriemengras?"
„Jaroslawna weint früh auf dem Geländer der Stadt Putiwl:
o hochberühmter Dnepr, du hast durchbrochen die steinigen
7ii Berge durch das Polowzer Land, du wogtest auf dir die Swäts-
lawlischen Fahrzeuge in Kowaks Schar. Trage in sanfter Be-