34 ALTRUSSISCHER HELDENGESANG VON J. MÜLLER.
toi; der sonst in geistigen Äusserungen dem germanischen nichtverglichen werden kann, zugehört. Der Lobgesang der Menschen,dem die Gottheit so gern zuhören mag, um Goethes Worte zugebrauchen, ist auch hier nicht verstummt, und vernehmlicheTöne dringen davon in diesem Liede zu uns. Ein alter Dichterder Vorzeit, dem wahrscheinlich der spätere hier folgte, wirdnicht ohne Verehrung erwähnt: Boyan, Nachtigall der altenZeit. Auf die Vorzeit wird öfter hingedeutet: „Lasst uns inalten Worten anfangen" (der Herausgeber erklärt es gewiss un-richtig: im alten Stil), „die Sage gedenkt der Fehden alterZeit"; so heisst es in unserem Nibelungenlied: „In alten Märenist uns das gesagt" und die Eddaischen Lieder heben au: „Ehmalswar's in den Urtagen (ar var i ardaga)". Des allgemein ver-breiteten Gesangs wird gleichfalls gedacht: „Da singen Deutscheund Venetianer, Griechen und Mähren den Ruhm Swätslawsund betrauern den Fürsten Igor" (S. 48). Wir zweifeln nicht,dass wir hier nur einen Theil der grossen Dichtung haben,schon die Analogie ist dafür, ausserdem heisst es ausdrücklich(S. 33): „Lasst uns nun, Brüder, diese Sage von dem altenWladimir bis auf den jetzigen Igor beginnen", während dasLied allein von Igor spricht. Der Übersetzer erklärt es in derNote dergestalt, als sei hernach in umgekehrter Folge vonWladimir die Rede, allein das ist erzwungen: Wladimir wirddort bloss bei den Erinnerungen an die Vorzeit erwähnt. DieserBoyan scheint der Sänger eines grossen Epos gewesen zu sein,welches untergegangen ist, welches aber wieder aufzufinden mandie Hoffnung nicht hingeben darf. Er, „ein göttlicher", „Enkeldes Herdengottes Weles", „der begeisterte Dichter, der, wenner singen wollte, in Gedanken durch die Wälder lief, wie dergraue Wolf auf Erden oder der bläuliche Adler unter denWolken", er ist, wie Homer und Ossian, jene mythische Ge-stalt, das Organ, durch welches das Lied einer ganzen Nationam reinsten geklungen. Schon die wenigen Züge, die von ihmangegeben werden, deuten auf überirdische göttliche Kraft ywüssten wir mehr von ihm, so würde vielleicht auch gesagtsein, dass, wie jenen, das weltliche Auge ihm verschlossen ge-wesen.