SCHRIFTEN ÜBER DIE NORDISCHE MYTHOLOGIE. 31
der alten Lehre darzuthun, so würden wir vorerst keine Rück-sicht nehmen auf das Geschrei einer modernen Zweifelsucht, diewie stechende Nesseln an den alten Ruinen aufwächst, und ausallen Quellen mit Glauben an eine treue Zeit und mit dem 79:?besten Fleiss alles zusammenstellen. Es würden sich wohl dieeinzelnen Theile, wie die aufgefundenen und gesammelten Stückeeiner verschütteten Statue, zu einem Ganzen fügen, wenigstenses erkennen lassen und so sich einander verbürgen; dann würdenwir äusserliche Beweise berücksichtigen und sie aufsuchen, auchsie, wie billig, achten, und nun dürften alle kritischen Zweifelerwägt werden, denn es würde sich leicht zeigen, wie viel siedem Ganzen anhaben könnten: Berichtigungen für das Einzelneaber würden immer stattfinden. Für diese Nachweisung desinneren Zusammenhangs ist bisher im Norden wenig geschehen,von der älteren Edda in ihrem Verhältnis zu der jüngeren, wodiese unstreitig als ein Auszug aus jener zu betrachten, ein sowichtiger und beweisender Umstand, ist so wie hier in beidenAbhandlungen so im Ganzen wenig Gebrauch gemacht worden;die fleissigste und gelehrteste Arbeit, Suhms Buch om Odin,kann doch nur als eine Materialiensammlung angesehen werden.Müller macht in der Vorrede den deutschen Gelehrten den Vor-wurf, dass sie den nordischen Denkmälern weniger Aufmerk-samkeit geschenkt, als den Schätzen anderer Litteraturen; dieserist gewiss ungerecht. Wir getrauen uns eine beträchtliche An-zahl von Gelehrten zu nennen, die sich mit der skandinavischenMythologie beschäftigt: wir fragen, wer mit allen Mitteln, diedort zu Gebote stehen, etwas so Durchdringendes und Gehalt-volles darüber gesagt, als ganz kürzlich Görres in seiner Mythen-geschichte? Es ist bewunderungswürdig, wie er bei den wenigenQuellen, zu welchen ein Deutscher ohne Schwierigkeit gelangt,und bei der Möglichkeit der Irrthümer im Einzelnen (wie ihmz. B. entgangen, dass die mit Runen geschriebene Hialmarsagaein Betrug ist) vorahndend gleichsam den Geist des Ganzenergriffen; wir wissen nichts, das wir dagegensetzen könnten.
Ist einmal die Echtheit der alten Lehre ausser Zweifel ge-setzt, dann fällt es auch leicht, anderweitige Fragen zu beant-worten: welche Bedeutung nämlich den Mythen vergönnt werden