30 SCHRIFTEN ÜBER DIE NORDISCHE MYTHOLOGIE.
hält diesen durch die Kenningar geführten Beweis für den alleinunumstösslichen der Echtheit, und so wäre nichts einzuwendengewesen, wenn ein unglücklicher Zufall diese Sammlung vonpoetischen Ausdrücken hätte verloren gehen lassen, und so hättenwir Deutsche, die nur einen Auszug davon einsehen können,792 dem gerade das fehlt, worauf es hier ankommt, überhaupt aneine Erdichtung glauben müssen; scheint doch das Unbefangenste,die Quelle selbst zu prüfen und zu versuchen, ob wir sie falschbefinden. Wer kann aber von einer Erfindung der Mythologiereden, wo noch die Spuren von dem Cultus der alten Göttersichtbar sind, wo in so vielen Sagen sie uns entgegentretenund wo deren Regierung in so manchen herrlichen Gedichtenbesungen ist. Niemals hat eine Lüge in der Zeit Wurzel ge-fasst, sie ist stets in ihre innere Leerheit zurückgefallen, niemalshaben Dichter von dem göttlichsten Geist an einer bodenlosenErfindung sich entzündet, und nur das kann zum Herzensprechen, was aus dem Herzen gekommen ist. Die Mythologieist etwas Organisches, durch die Macht Gottes Gewordenes, inihm Begründetes. Keines Menschen Kunst reicht dahin, sie zuerschaffen und zu erfinden; anerkennen und empfinden kann ersie. Wie es immer eine Partie geben wird, die alle Begeisterung,alle Poesie und jede höhere Idee des Lebens ableugnet, weilsie nur mit geistigen Augen kann angeschaut werden und keinDiplom sie beweist, weil es nur die Überzeugung unseres Herzenskann, so wird auch stets eine Partie die Bedeutung, die Wahr-heit und Echtheit der alten Mythe verwerfen, wie Schlözer,Adelung und alle, gegen die der Verf. in dem Eingang seinerSchrift und Nyerup in einer besonderen Abhandlung (Skandin.Museum 1802 II) polemisirt hat.
Wir setzen unsere Ansicht dem Verf. entgegen. Der innereBeweis ist uns der erste und wichtigste, und ohne dieses Ge-fühl für das Leben der alten Mythen würde uns ein äusserlichernicht überzeugen können. Also gerade an sich selbst, kraft desihnen innewohnenden Geistes, sind die Voluspa, die Gesängeder älteren Edda und die Dämesagen der jüngeren die ältestenund sichersten Quellen. Es ist uns eine höhere Kritik, diesenGeist anzuerkennen. Wäre uns daher aufgegeben, die Echtheit