Druckschrift 
2 (1882)
Seite
29
Einzelbild herunterladen
 

SCHRIFTEN ÜBER DIE NORDISCHE MYTHOLOGIE. 29

findung ausgeben, so dürfen sie bloss anführen, dass durchsolche Anspielungen die Echtheit dieser noch nicht dargethansei. Wir nehmen dabei an, dass sie das Verzeichnis derKenningar für echt halten, da aber der Verf. in ihrem Sinn garwohl die Möglichkeit einer Erdichtung, wenn man bloss dieQuellen hätte ohne dies Verzeichnis, vorausgesetzt, so werdensie, weil bei ihnen gerade ein grosses Verdienst in dem höchstenGrad des historischen Unglaubens besteht und nach ihrem Prin- 791cip vorerst alles verworfen werden muss, gern glauben, auchdas sei gänzlich eine Erdichtung. In der That kann sie nichtallzuschwer geworden sein, und wie leicht ist, in solche kurzeBruchstücke Verschiedenheit zu bringen; sie werden nicht mehrzweifeln, wenn sie bemerkt sehen, dass die meisten die einzigennoch übrig gebliebenen Denkmäler jener Zeiten sind, wären sieecht, warum finden sich nicht mehrere in der Heimskringla?Es ist uns eigen zuwider in dieser Gesinnung weiter zu reden,und wir müssen daran gedenken, wie stark immer der Einflussder Zeitansicht ist, wenn wir begreifen wollen, wie der Verf.sich den Einwurf machen konnte, ob nicht diese 500 Bruch-stücke im zwölften Jahrhundert alle unter den alten Namenkönnten von verschiedenen gedichtet sein, und ihn damit wider-legen, dass doch unmöglich eine Gesellschaft von so vielen Be-trügern dazumal könne gelebt haben. Es gibt eine gewisse un-selige Kritik, die kein Leben und kein wirkliches Dasein begreifenkann, und sie gleicht in ihrer Angst jenen unglücklichenMenschen, die in der einfachsten und gesundesten Speise Giftfürchteten und sie darum nicht anders als mit Gegengift ver-zehren wollten. Gegen diese sollte man nicht reden und sienicht überzeugen wollen. Unter allen aber, die verneinen, sinduns diejenigen noch am wenigsten verhasst, die recht unum-wunden und bestimmt es thun, am meisten dagegen diejenigen,welche mit halben Behauptungen, die in der That doch nichtszugeben, sich durchschleichen wollen. Wer wie Rühs die Echt-heit der Mythen zugibt, aber ihre Bedeutung in aller Hinsichtleugnet, der kann nicht mehr übertroffen werden. Wie weitwir durch eine falsche Ansicht von dem Allereinfachsten und Na-türlichsten uns entfernen können, zeigt sich auch hier: der Verf.