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1 (1881)
Seite
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586 ERZAHLUNGEN.

ärmliche, sichtbar in Verfall gerathene Hütte. Sie gehörteeiner schon ziemlich bejahrten Wittwe, die ich öfter Abendsnach Hause kommen sah. Sie schien stets etwas auf dem Armzu tragen, das sie auf den Hof nebenan legte, bevor sie zurThür eingieng. Ich begegnete ihr einmal und redete sie an.Wir haben ein kleines Feld", sagte sie,von dessen Früchtenwir viere leben, ich und meine drei Söhne. Es stehen Kar-toffeln darauf, Bohnen und Rüben und ein wenig Flachs. DasFeld zu bestellen ist meine Arbeit. Ich gehe hinaus, wennich das Hauswesen besorgt, das Essen gekocht und die vierHühner auf dem Hofe gefüttert. Die drei Söhne suchen Arbeitund verdienen so viel, dass wir nothdürftig davon leben können.Wir leiden keinen Hunger und tragen keine zerrissenen Kleider,aber wir müssen sparsam sein. Wenn ich Kaffee koche stattdes Essens, so werden die Bohnen gezählt, die in die gebrannteGerste kommen: für jeden Sohn sechs und für mich, weil icheine alte Frau bin, acht."Aber was tragt Ihr da auf demArm?"Ach, Herr", sagte sie und reichte mir einen Stein,seht wie schön ist der Stein, viereckig und glatt von allenSeiten, als wäre er behauen. Wenn ich einen solchen auf demAcker ausgrabe oder an dem Wege finde oder in dem Wald-bach liegen sehe, so hebe ich ihn auf und trage ihn auf unsernHof, wo schon viele der Art aufeinander liegen."Aber waswollt Ihr damit anfangen?"Das will ich Euch sagen. UnsereHütte verfällt und wir sind nicht im Stande, sie wieder aufzu-richten. So lange ich lebe, verlassen mich meine Söhne nicht;aber wenn ich todt bin, können sie ins Ausland gehen. In derErntezeit werden die Schnitter in Holland gut bezahlt, und siekönnen sich genug verdienen, um das Haus herzustellen. Siehaben dann keinen Steinmetzen nöthig, der ihnen die Steinezurichtet; und wenn sie die, welche ich zusammengetragenhabe, aufeinanderlegen, so denken sie, die Mutter hilft und bautuns das Haus auf."

Berlin. Wilhelm Grimm.