Druckschrift 
1 (1881)
Seite
580
Einzelbild herunterladen
 

580 ERZÄHLUNGEN.

Herr Wirth, kann ich bei euch gut Gemach haben, so magvom Hofe Speise nehmen, wer da will, ich kann ihrer Gabenwohl entbehren. Herr Wirth, kauft mir meine Speise in derStadt, hier sind goldene Pfennige, die geb' ich euch in Ehren.Ihr sollt guten Nutzen von mir haben: heisset die Speise baldbereiten und lasset eure Diener und Knechte meiner froh werden."Da gab ihm der König Pfennige genug. Als der Wirth dasGold sah, sprach er zu sich selbst:Es muss ein Edelmannsein! Seines Gleichen habe ich nie beherbergt, noch haben meineAugen je einen mildern gesehen!" Als die Speise bereitet war,setzte sich der König zu Tisch; alles war überaus köstlich.Darnach, wie es Nacht ward, legte er sich schlafen und batden Wirth um einen Wächter, der sein Nachts pflege. Als erzu Bette lag, sprach er zu dem Wächter:Früh, wenn mandie Glocken läutet im Dome, so sollst du mich sicherlich wecken,ich will, so Gott mir das Leben lässt, dir dies Ringlein dafürverehren. So lieb dir nun solch ein Kleinod ist, so gewiss weckdu mich, wann es läutet; dann werde ich sorgenfrei!"

Der Wächter that, wie ihm geheissen war, fand den Herrnschlafend, weckte ihn und sprach:Steht auf und gebt mirmeinen Lohn, denn man läutet." König Karl es nicht verdross;er legte sein reiches Gewand an und hiess den Wirth mitgehn,dass man ihn nicht fieng, denn er war leider unbekannt. Erfasste den Wirth bei der Hand, und sie giengen beide zumBurgthor, das war aber stark verriegelt. Der Wirth sprach:Herr, ihr müsst da durchschliefen, aber da wird euer Gewandkothig."Das acht' ich nicht", sprach der König,und ob esganz zerreisse!" und schlof hinein; den Wirth liess er umgehen.Da gieng der König in den Dom, und weil er wohl wusste,dass, wann er auf dem gesegneten Stuhl sass, er als Königmusste begrüsst werden, setzte er sich darauf, liess die Scheidevom Schwert sinken, nahm es also entblösst und legte es überseine Kniee. Der Messner kam und wollte die Bücher hervor-tragen; als er ihn da sitzen sah mit blossem Schwerte, ohneein Wort zu reden, verzagte er, gieng zum Priester und sprach:Es sitzt ein greiser Mann auf dem gesegneten Stuhl und hatein blosses Schwert über dem Knie liegen; wie ich zum Altar