56ß ZEITGESCHICHTLICHES.
Schatten zurückgesetzt worden; merkwürdig sind auch dieWinke, die der scharfsinnige Tesko über die Regierung gab.Die Form kann noch lange aushalten, aber man denkt an dieorientalische Mythe von Salomon. Sterbend nahm er eineStellung an, wodurch er auch als todt, auf dem Throne aufrechtstehend, noch lebend erschien. Er legte seine beiden Händehinter den Rücken und stützte dieselben sowohl als die ganzeLast des Körpers von rückwärts auf einen feststehenden Stock.So stand er, das Volk ahnete seinen Tod nicht und alles giengden gewöhnlichen, wohleingerichteten Gang fort. Das ersteGeschöpf aber, das seines Lebens Ende gewahr ward, entzogsich auch sogleich der dem Lebenden schuldigen Ehrfurcht; eswar ein Holzwurm, der gleich nach Salomons Tod den Stabzu benagen anfieng. Er nagte ein ganzes Jahr, da brach derStab entzwei, Salomon stürzte nieder und alles lief durch ein-ander in Zwietracht und Verwirrung.
Es ist belehrend, nach jenen Büchern etwa Müllers nor-dische Sagenbibliothek (übersetzt von Lachmann,Berlinl817) zur Hand zunehmen. Gelehrten vom Fach, dieseinenWerth schon kennen, brauchen wir das Buch nicht zu empfehlen,aber jeden, der für die Geschichte einer Entwickelung des germa-nischen Geistes Theilnahme hegt, machen wir darauf aufmerksam.Es sind darin aus den Originalquellen eine Menge Züge von demöffentlichen und Privatleben der Isländer zusammengestellt. Auchhier gewährte die geographische Lage Freiheit vor fremdenEinwirkungen, ja gerade sie war der Grund, warum der rauheFelsen gesucht und mit einer wohnlicheren Heimath vertauschtwurde. Während bei den Japanern alles bis zur grösstenKleinigkeit hinab von obenher geleitet wird, hat sich hier dieOrdnung aus der Mitte der edlen Geschlechter, welche sichvereinigten, gebildet. Recht, wo es verlangt wird, finden undsprechen auf dem Thing Ehrenmänner, doch in den meistenFällen lebt der Familienvater frei, wie ein Herr in seinemBereich, und ihn beherrscht nur, so weit er ihr zugethan ist,die alte aus dem Mutterlande mitgebrachte Sitte. Diese isternst und tiefsinnig, sie erzeugt grossartige Gesinnungen undTugenden, aber in dem Übergewicht, das sie dem Willen, der