GESETZGEBUNG UND RECHTSWISSENSCHAFT. 551
iind fest damit zusammenhängend, sondern es geht einzig vomHerrscher und dessen Einzelwillen aus (S. 22. 48. 124),und es wird Neues allerdings erfunden und von Menschenhändengemacht (127). Das Volk aber hat kein Recht und weiss, dassvom Regenten, der etwas Höheres ist, es ihm zugetheilt wird;auch wollte man anders, so fehlt ihm die höhere Erkenntnis desUnsichtbaren, und man darf ihm nicht logische Gewandtheit in•Schlüssen zutrauen. Die Vorzeit wird geschmäht, viele Rechts-gewohnheiten sind Überreste der Kinderjahre (36), und diesebilden einen elenden Zustand des Volks (45); die Liebe aberfür diese Gewohnheiten ist ein Vorurtheil (36). Um nichtseinwenden zu können, wird ohne Weiteres vom deutschen Mittel-alter gesagt: Barbarei habe darin geherrscht und eine grobeUnwissenheit unter allen Ständen (110. 116). Es kommt dahergar nicht darauf an, wie geschichtlich ein Recht entstanden,sondern wie es entstehen soll (28), was zu beurtheilen wiederumdem Herrscher lediglich anheim fällt, dessen Gesetzbuch einerjeden angemassten gesetzgebenden Gewalt des Volkes einEnde macht.
Damit aber etwas sei, was den Herrscher berathe, und-woraus er das positive Recht, das er über das Volk ausgiesst,schöpfe, so wird ihm ein Vernunftsrecht beigegeben, das un-fehlbar ist und ihn niemals ohne Antwort weggehen lässt. Wirhaben geglaubt, dass das Ewige, Unsichtbare, wonach zu strebenallen edlen Herzen eingepflanzt ist, so weit es offenbar geworden,am deutlichsten und reinsten in der Gesammtheit, d. h. in derIdee eines Volkes sich ausspreche. Höher ist nie die Weisheiteines Einzelnen gestiegen, und wo sie gestrebt, dagegen sich2U erheben, da ist sie auch beschämt worden; ja, der Grösstein seinem Volk hat sich gerne davor gedemüthigt, wie Goethein seinem Leben den Einfluss der Zeit bekennt. Diesen Aus-druck aber des Ewigen bei einem Volke einzusehen, leitet unsallein die geschichtliche Betrachtung und ist daher das ersteElement der Weisheit und Wissenschaft. Darum kann dielebensvolle Rechtswissenschaft keinen höhern Gewinn erlangen,als der aus dem rein geschichtlichen Ergreifen der Gegenwartfliesst: hierdurch wird die Quelle eröffnet, welche zu einem ge-