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1 (1881)
Seite
517
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BERICHT ÜBER DAS DEUTSCHE WÖRTERBUCH. 517

Hoffnung hin, dass das Wörterbuch den Sinn für Reinheit derSprache wieder erwecke, der in unserer Zeit völlig abgestorbenscheint. Keine andere Sprache befindet sich, von dieser Seitebetrachtet, in einem so erbarmungswürdigen Zustand. Das bleibtwahr, wenn man auch zugiebt, dass abgeleitete wie die roma-nischen und gemischte wie die englische der Gefahr wenigerausgesetzt sind, ihren Ursprung und ihre Würde zu vergessen.Ich muss andeuten, wie ich das verstehe. Kein Volk, wenig-stens kein europäisches, scheidet sich streng von dem andernund setzt geistigen Berührungen Grenzpfähle entgegen, wie manden Waaren und Erzeugnissen des Bodens thut. Sobald aberVölker sich äusserlich nähern, so erfahren auch ihre Spracheneine nothwendige Wechselwirkung. Wer kennt nicht den Zu-sammenhang jener beiden Stämme, bei welchen unsere Bildungwurzelt, denen wir Unsägliches verdanken, mehr als wir uns injedem Augenblick bewusst sind? ich meine natürlich die Griechenund Römer. Ich will nicht berühren, dass die Völker, die mandie kaukasischen nennt, Gemeinsames genug, ja unbezweifelteSpuren einer untergegangenen Ursprache bewahren: ich rede nurvon der sicheren Wahrnehmung, dass sie eine Anzahl Wörtervon einander geborgt und aufgenommen haben. Das musste ge-schehen und war ein Gewinn. Daheim nicht ausgebildete odergar nicht vorhandene Begriffe holt man von andern und nimmtdas Wort dafür mit: könnten wir z. B. auskommen, wenn wirIdee" wieder wegweisen sollten? Schon das Althochdeutschehat sich dieses Rechts bedient, nur mit richtigem Gefühl diefremde Form der einheimischen angenähert 1 ). Hat doch die ro-manische Sprache in Gallien anfänglich mehr aus der deutschengeborgt, als die deutsche aus ihr 2 ). Manche von den Römernempfangene Wörter, wie etwaFrucht, Tisch, Kampf" sind zuuns so völlig übergegangen, dass wohl mancher überrascht wird,wenn er von fremdem Ursprung hört. Reden wir vondichten",so empfinden wir schon den Hauch des Geistes, jenes geheim-nisreiche Schaffen der Seele: es ist nichts als das lateinische

! ) Über das Gothische -vgl. Wackernagel Gesch. der Litt. S. 20. 21.2 ) Gottfried hat im Tristan schon viele französische Wörter aufgenommen.Der Tanhauser mischt viel französische Worte ein.