BERICHT ÜBER DAS DEUTSCHE WÖRTERBUCH. 513
aufgeben, den der Wechsel der höhern, geläuterten Rede undder heimischen Mundart, wie ihn verschiedene Stimmungen for-dern, natürlichen Menschen gewährt?
Sie sehen, meine Herren, wo ich hinaus will, welches Zielich dem Wörterbuch stecke. Sollen wir eingreifen in den Sprach-schatz, den die Schriften dreier Jahrhunderte bewahren? ent-scheiden, was beizubehalten, was zu verwerfen ist? sollen wir,was die Mundarten zugetragen haben, wieder hinausweisen? denStamm von den Wurzeln ablösen? Nein, wir wollen der Sprachenicht die Quelle verschütten, aus der sie sich immer wiedererquickt, wir wollen kein Gesetzbuch machen, das eine starreAbgrenzung der Form und des Begriffs liefert und die nierastende Beweglichkeit der Sprache zu zerstören sucht. Wirwollen die Sprache darstellen, wie sie sich selbst in dem Laufvon drei Jahrhunderten dargestellt hat, aber wir schöpfen nuraus denen, in welchen sie sich lebendig offenbart. Sollen wirzusammen scharren, was nur aufzutreiben ist, wie Campe undandere gewollt haben? was aus den Winkeln, wo das Ge-würm der Litteratur hockt, sich an das Tageslicht gewagt hat?Unser Werk wird, wenn Sie mir den Ausdruck erlauben, eineNaturgeschichte der einzelnen Wörter enthalten. Jedem, inwelchem sich das Gefühl für die Sprache rein erhalten hat,bleibt das Recht, den Inhalt eines Worts zu erweitern oderzusammenzuziehen, der Fortbildung wird keine Grenze gesetzt,aber sie muss auf dem rechten Weg bleiben. Die französischeSprache neigt dahin, einen logisch bestimmten, vorsichtig be-schränkten Begriff eines jeden Wortes zu gewinnen, das ent-spricht der Natur des französischen Volks und gewährt einegewisse Bequemlichkeit, zumal denen, deren Geist dürftig gebliebenist, sie reden immer noch besser als sie denken; aber indiesem Zustande steigt der Saft in dem Stamm nur trägeund langsam auf. Ich hoffe, es wird dem deutschen Wörter-buch gelingen, durch eine Reihe ausgewählter Belege darzuthun,welcher Sinn in dem Wort eingeschlossen ist, wie er immer ver-schieden hervorbricht, anders gerichtet, anders beleuchtet, abernie völlig erschöpft wird; der volle Gehalt lässt sich durch keineDefinition erklären. Gewiss, das Wort hat eine organische Form,
Vf. GRIMM, KL. SCHRIFTEN. I. 33