Druckschrift 
1 (1881)
Seite
509
Einzelbild herunterladen
 

BERICHT ÜBER DAS DEUTSCHE WÖRTERBUCH. 509

nicht zu sagen, dass die Kräfte Zweier, zumal wenn sie überdie Mitte des Lebens längst hinweggeschritten sind, nicht zu-reichen, diesen Schatz zu heben, kaum zu bewegen: aber ganzDeutschland (auch hier machte das nördliche und südliche keinenUnterschied) hat uns treuen Beistand, manchmal mit Aufopfe-rung geleistet; oft ist er uns da, wo wir ihn nicht erwarteten,angeboten, nur selten, wo wir ihn erwarteten, versagt worden.Ich kann die Zahl der Männer von den Schweizerbergen bis zuder Ostsee, von dem Rhein bis zur Oder, welche an der ArbeitTheil genommen haben, nicht genau angeben, aber sie ist be-trächtlich: selbst unter den Mitgliedern dieser glänzenden Ver-sammlung erblicke ich einige von ihnen und kann unsern Danköffentlich aussprechen. In Luther gewann die deutsche Sprache,nachdem sie von der früheren, kaum wieder erreichbaren Höheherabgestiegen war, wieder das Gefühl ihrer angebornen Kraft.Aus Luthers Jahrhundert war was sich nur erreichen Hess zubenutzen. Hernach hat der dreissigjährige Krieg Deutschlandund sein geistiges Leben verödet; gleichmässig welkte die Spracheund die Blätter fielen einzeln von den Ästen; was sich in dieser Zeitirgend auszeichnete, musste berücksichtigt werden. Im Anfangdes achtzehnten Jahrhunderts hieng trübes Gewölk über demalten Baum, dessen Lebenskraft zu schwinden schien. Mit An-massung, zunächst unter Gottsched, erhob sich die Grammatikund gedachte der Sprache aufzuhelfen. Aber eine Grammatik,die sich nicht auf geschichtliche Erforschung gründete, sonderndie Gesetze eines oberflächlichen Verstandes der Sprache auf-nöthigen wollte, würde selbst bei minderer Beschränktheit un-fähig gewesen sein, den rechten Weg zu finden. Ein solchesGebäude schwankt hin und her, die Sprache gewinnt durchein willkürliches Gesetz eine gewisse Gleichförmigkeit und schein-bare Sicherheit, aber die innere Quelle beginnt zu versiegen, unddas trockene Gerüst fällt schnell zusammen. Für diese Zeit warnur eine Auswahl zulässig: dass wir das Richtige getroffen haben,dürfen wir hoffen, aber das Urtheil steht andern zu. UnsermVaterland ist mehrmals ein Retter erschienen, der seine Ge-schicke wieder aufwärts lenkte: so erschien Goethe auch derSprache als ein neues Gestirn, Goethe, der dieser Stadt ange-