Druckschrift 
1 (1881)
Seite
507
Einzelbild herunterladen
 

AKADEMIEREDE. 507

reich seine Zweige sich nach allen Seiten ausbreiten. Denhöchsten Dank zu erreichen, geht über die Kräfte des Einzelnen,aber warum sollten wir nicht hoffen dürfen, mit treuem Fleissund ernstlicher Anstrengung den Weg bis dahin zurück zu legen,wo sich das Gebiet unserer Sprache, soweit sie eine noch be-stehende darf genannt werden, mit einiger Sicherheit überblickenlässt? Welcher Gewinn daraus entspringen, wie weit unsereZeit dadurch gefördert, ob Reinheit, Adel, Wahrheit, sinnlicheKraft der Sprache wachsen, ob das Gefühl für das gemeinsameVaterland dadurch zunehmen wird, das wird von der geistigenFreiheit und Lebendigkeit der Gegenwart abhängen. Nur imSonnenschein, von frischer Luft angehaucht, gedeiht die Korn-ähre zu nährender Frucht.

Doch ich habe nicht nöthig, an die Akademie diese Bittebesonders zu richten, sie hat ihre Theilnahme an diesen Bestre-bungen schon durch die Wahl ihrer Mitglieder ausgedrückt, undein Gelehrter aus ihrer Mitte hat ein mühsames Werk bereitsnahe zu seinem Ende geführt, in welchem die Schätze unsererältesten Sprache aus den Quellen zusammengestellt sind. Auchbraucht es nicht erst in unser aller Gedächtnis zurückgerufen zuwerden, dass schon vor hundert Jahren einer der eifrigsten Be-gründer dieser Akademie selbst, Johann Leonhardt Frisch, indemer den Anbau unserer Muttersprache nach Kräften und auf dasGlücklichste förderte, das erste kritische Wörterbuch von ihr mitunverkennbarem Talent zu Stande brachte. Es bleibt also nurder Wunsch übrig, dass eine weitere Ausführung der von diesemtrefflichen Mann entworfenen Pläne, sowohl der von Leibnitz demPublicum seiner Zeit vergeblich ans Herz gelegten Gedanken undVorschläge über die Ausübung und Verbesserung der deutschenSprache, als auch der Fortschritte eingedenk sei, welche die Phi-lologie seitdem in ihrem ganzen Umfang gewonnen hat, und dasswir des geschenkten Zutrauens uns nicht ganz unwerth zeigenmögen.