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1 (1881)
Seite
502
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502 REDEN.

Als das Christenthum nicht bloss in äusseren Formen an-genommen war, sondern den Geist des deutschen Volkes durch-drungen hatte, konnte das heidnische Epos nicht länger in dieserForm bestehen. Statt der Blutrache und des übermüthigen Glau-bens an eine unter die sterblichen Menschen vertheilte Göttlich-keit lehrte es den Feind lieben und gebot Demuth und Erkenntnisder angeborenen Hinfälligkeit. Es [das Epos]*) war zu Carldes Grossen Zeiten noch vorhanden, aber es fieng schon an inVerfall zu gerathen, welches wir aus der Sorge schliessen, mitwelcher er es durch die Schrift aufbewahren wollte. Wie seineUmwandlung von Statten gieng, wissen wir nicht, durch fünfJahrhunderte ist kein Denkmal aufbewahrt worden, an welchemwir die Übergangsformen beobachten könnten, obgleich deut-liche Zeugnisse über seine Fortdauer keinen Zweifel übrig lassen.Wir würden deutlicher die Fortbildung des deutschen Geisteserkennen, wenn uns aus der ernsten, strengen und einfachenZeit der Ottonen eine Auffassung der alten Sage wäre erhaltenworden. Glücklich ist ein Volk, das, wenn in dem Fortschrittder Zeit die alten Formen nach und nach zusammensinken undsich selbst zertrümmern, Kraft und Tüchtigkeit in ein neuesSaeculuui rettet und von der Gewalt des Geschickes nicht ge-nöthigt wird, das zerstörte Haus in seinen Fundamenten wiederneu zu errichten.

Erst im Anfange des 13. Jahrhunderts erscheint die fasttausendjährige Sage in einer neuen und ausgezeichneten Gestalt,gleichsam um vor dem völligen Erlöschen noch einmal in hellemGlänze zu leuchten. Welche Umwandlung hat sie erfahren!In ihrer Grundlage zwar noch kenntlich, aber doch gestört, istder einfache Zusammenhang getrübt, manchmal ganz verschwun-den und von den Fäden eines neuen Gewebes übersponnen undbedeckt. Neue Bestandtheile hat sie aufgenommen, die bis zueinem gewissen Grade mit den frühern verwachsen sind, aberdoch die verschiedene Wurzel erkennen lassen. Der Geschichtehat sie sich genähert und spätere anerkannte Helden an dieStelle der frühern treten lassen und beide zu einem einzigen

*) [Der vorige Satz ist am Rande eingeschoben.]