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1 (1881)
Seite
503
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GÖTTINGER REDE ÜBER GESCHICHTE UND POESIE. 503

verschmolzen, wie etwa zwei verschiedenartige Stammvölker sichvermischen und zu einem einzigen werden. So erscheint jetztAttila und sein weltbeherrschender Einfluss, an dessen Platz inder früheren Bildung nur das Haupt einer angesehenen Familiegestanden hatte. Die Blutrache konnte das Mittelalter nichtmehr anerkennen, aber die Thaten, die sie in der Sage veran-lasste, waren übrig geblieben. Jetzt versucht die Dichtung ihneneine neue Grundlage zu verschaffen, aber sie schwankt und dieUnsicherheit zeigt, dass es über ihre Kräfte geht. Eine allge-meine Verwüstung und der Untergang aller Helden will sie durchdie Liebe erklären, welche ein treues Weib antreibt, den Mordihres geliebten Gemahls durch den Untergang seiner Feinde zubestrafen.

Auch jener berühmte ostgothische Theodorich der Grosse,von dem die frühere Dichtung nichts wusste, hat jetzt eine Stellein dem Cyklus erhalten. In ihm aber äussert sich vorzugsweisedie vorhin bemerkte Eigenthümlichkeit der deutschen Natur.Bei dem grossen Kampfe, der vor seinen Augen beginnt undin den er befreundete und verwandte Geschlechter verwickeltsieht, erscheint er als Zuschauer mit einer Unbeweglichkeit undscheinbaren Gleichgültigkeit, bis endlich der Augenblick kommt,wo er selbst verletzt und beleidigt nicht länger antheillos be-stehen kann. Er entwickelt nun eine Kraft, die ihn höher stelltals alle andern Mitkämpfer. Er bleibt Sieger, aber nicht einfreudiger, denn auch seine Helden sind alle mit in das allge-meine Verderben gerissen worden, und er allein scheint nur übriggeblieben zu sein, um es beweinen zu können.

Die Darstellung zeigt alle Vorzüge der ausgezeichnetengeistigen Bildung, welche dem 13. Jahrhundert eigen war. Diefrühe[re] Herbheit und Strenge ist durch eine reiche und behag-liche Breite ersetzt und die Einfachheit, das Ansprechende unddie Süssigkeit der Rede ist so gross, dass sie an die HomerischeAnmuth erinnert; ich spreche hier nicht meine Meinung aus,sondern ich wiederhole, was Männer wie Joh. Müller und Nie-buhr geurtheilt haben.

Die Fähigkeit, ein nationales Epos hervorzubringen, scheinteiner gewissen Zeit eigen zu sein, und zum zweiten Male nicht