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1 (1881)
Seite
501
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GÖTTINGER REDE ÜBER GESCHICHTE UND POESIE. 501

epischen Lieder, der Mittelpunkt, aus welcher die Begeben-heiten sich entwickeln. Herrliche Menschen zernichten sichgegenseitig mit unerbittlicher Strenge und genügen ihrer Pflichtmit Aufopferung alles dessen, was ihnen werth ist; ja die innigsteLiebe muss dem gebotenen Hasse weichen. Die Gesänge schliessenmit dem völligen Untergange der in den Kampf verflochtenenGeschlechter. Nahe au heroische Tapferkeit und erhabene Grössegrenzt die wilde und ungebän.digte Grausamkeit des Heidenthums,das Tragische dieser Grundlage tritt ebenso deutlich hervor alsdas Entsetzliche und Greuelhafte, welches darin liegt. Wie sehreine solche Grundansicht unserer Gesinnung entgegensteht unduns davon entfernt, so werden (wir) doch wieder zu diesenLiedern durch eine andere Eigenschaft, die sich darin kundthut, hingezogen. Die sittliche Natur, die sie in anderer Hin-sicht als das Eigenthum des deutschen Volkes zeigen, entsprichtdem, was wir noch jetzt gern zu den Vorzügen unseres Volkeszählen, Liebe, Treue, ausharrende Tapferkeit, ein ungebeugterMuth und jene Erhebung, die, wie wir vorhin sagten, durchdas Herannahen der höchsten Noth erregt (wird), gleich alswenn die Gefahr erst aus einem gewissen Hinträumen den deut-schen Geist völlig erwecken könne, diese Tugenden erscheinenauch in diesem Epos und zwar in der Stärke und Kraft einerjugendlichen Heldenzeit. Es scheinen die Eigenschaften desdeutschen Volkes zu sein, die hervortreten, wenn es von demFeuer der Geschichte gereinigt wird.

Die Darstellungsweise entspricht ganz dem sittlichen Cha-rakter dieser Lieder. Nicht in gleichförmig fortschreitender Er-zählung wollen sie neugierige Zuhörer von den Begebenheitender Vorzeit unterrichten. Ihnen fehlt die redselige Fülle, diein Homers Gedichten uns entzückt, uns auf dem sanft fortglei-tenden Strome der Erzählung fortgleiten lässt und in eine be-hagliche Stimmung versetzt. Die Edda setzt den Inhalt derSage als bekannt voraus und schreitet gleichsam nur über dieBergeshöhen der Fabel, aber indem sie diese in das volle Lichtder Dichtung setzt, weiss sie uns auf das Heftigste zu bewegen,und ganz dem griechischen Dichter entgegengesetzt, reizt sieauf, statt zu sänftigen und zu beruhigen.