Druckschrift 
1 (1881)
Seite
500
Einzelbild herunterladen
 

500 REDEN.

Die Annalen der deutschen Geschichte reichen um Jahr-hunderte weiter zurück, als die uns erhaltenen Denkmäler derepischen Poesie. Dennoch wage ich zu behaupten, dass ihrInhalt selbst älter ist, als jene geschichtlichen Quellen, und dassder Geist, der in ihnen spricht, den Zustand einer Zeit erhaltenhat, von dem sonst kein Denkmal redet und den wir ohne sienicht kennen lernen würden. Im siebenten, vielleicht erst imachten Jahrhundert sind sie aufgefasst worden, nicht einmal inDeutschland selbst sind sie erhalten worden, sondern der Norden,durch seine geographische Abgeschlossenheit und innere Ab-geschlossenheit zur Aufbewahrung geschickter, hatte sie sichangeeignet und gleichsam aus Dankbarkeit zurückgegeben. Ichmeine hier die epischen Lieder der Edda, welche vor eiueniJahrzehend oder etwas länger durch den Druck vor dem mög-lichen Untergange geschützt und der gelehrten Betrachtung sindüberliefert worden.

Was sie uns vor Augen rücken, ist das Bild des germa-nischen Lebens aus der heidnischen Zeit, als die Römer undihre Bildung noch keinen Einfluss geäussert hatte[n], mit allenVorzügen, welche die kräftige und ungestörte Entwickelung einesso eigenthümlichen und ursprünglichen Volkes, wie das deutscheist, darbietet, aber auch mit dem, was ein Zeitalter Furchtbareshat, das noch nicht von der Religion des Christenthums gemil-dert ist. Und mit welcher Wahrheit, Lebendigkeit und Frischethun sie das. Zuerst als Grundlage des bürgerlichen Lebensfinden wir eine hohe Verehrung der Heldengeschlechter, wiesie aus dem Glauben hervorgieng, dass sie ihren Ursprung vonden Göttern selbst herzuleiten berechtigt seien. Aus dieser Ver-ehrung, die zunächst dem eigenen Geschlechte zu Theil wird,entspringt ein anderes Gefühl, das wir Selbstsucht nennen wür-den, das aber für jene Zeit anders beurtheilt werden muss. Esist die Überzeugung, dass jeder, der in einem solchen Geschlechtgeboren wird, verpflichtet sei, die Reinheit, die ihm innewoh-nende Göttlichkeit und den Glanz, von dem es mehrmals heisst,dass er nur mit dem Untergang der Welt selbst erlöschen werde,(um jeden Preis zu erhalten). Dies ist die Blutrache, welchehier mit voller Macht herrscht. Sie ist die Grundlage jener