GÖTTINGER REDE ÜBER GESCHICHTE UND POESIE. 499
hunderte auf eine hohe Stufe gehoben hat. Die lyrischen Ge-dichte, Lieder z. B. der Serben, gesungen von Menschen, dieihre Muttersprache nie gelesen und geschrieben haben, sindvon solcher Zartheit des Gefühls und des Ausdrucks, dass deredelste Dichter unserer Zeit sich ihrer nicht zu schämen braucht.Diese Poesie[en] bedürfen nur eines nicht herabgebeugten, mitaufgerichtetem Antlitz, in natürlichen Verhältnissen wandelndenMenschen.
Anders verhält es sich mit der epischen Dichtung, sie hängtab oder vielmehr sie erwächst aus den verschiedenartigen Zu-ständen, in welche die Geschichte ein Volk versetzt, oder da-mit ich es in einem Worte selbst ausdrücke, sie ist die ersteund frühste Geschichte eines Volkes selbst. Alles, was es er-lebt hat, sei es nun in wirklichen Ereignissen oder in dem, wasder Geist ersonnen oder ausgedacht hat, oder was ihm auf eineunergründliche Weise, die ich mich nicht scheue eine geheim-nisreiche zu nennen, ist überliefert worden, das nimmt sie insich auf. Jene höhere Betrachtung der Ereignisse, die nicht ineiner Sammlung des Geschehenen beruht, sondern in einem Er-greifen dessen, was Zeugnis vom Geiste giebt, ist ihr eigen undmacht ihr Wesen aus./ Sie wandelt sich daher in gleichemSchritte fort, in dem ein Volk fortschreitet, sie nimmt von demAugenblick Gehalt, Farbe, Gesinnung an, sie hat Bestand indemselben Masse, in welchem das Volk Bestand hat, dem sieangehört, und versinkt mit diesem unwiederherstellbar. IhreWahrheit aber ist nur eine geistige und von den Begebenheitenselbst, aus welchen sie zum Theil hervorgegangen (ist, unab-hängig)*), sie überschreitet ohne Bedenken die Gesetze der kri-tischen Geschichte, welche auszubilden der Beruf unserer Zeit ist.
Nicht bestimmt aufgezeichnet zu werden, ja ihrer Naturnach aller Feststellung entgegen, sind ihre Denkmäler vieljünger, als ihr Ursprung, von dem überhaupt nur in dem Sinnekann geredet werden, in welchem wir von dem Anfang einerGeschichte reden. Wir haben endlich eingesehen, dass diesernirgends kann ergründet werden.
*) [Das in runder Klammer Stehende ist im Manuscript durchgestrichen.]
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