498 REDEN.
gegen den Einfluss des Zufalls, gegen gewaltsame oder erkün-stelte Einmischungen gesichert, als andere Äusserungen undOffenbarungen des menschlichen Geistes, die einen höheren Gradvon Selbstbewusstsein und eine kunstreichere Vorbereitung ver-langen. Ihnen kann das Fremdartige leichter aufgedrungen,ihre naturgemässe Entwicklung gestört, ihre Richtung von einemäusseren gewaltsamen Einfluss vorgeschrieben werden. Die bil-denden Künste werden erst mühsam der Form Meister undmüssen lange Zeit in dem Zustande hülfloser Kindheit ver-harren. Welche mannigfachen Kenntnisse müssen erworben,welche Schwierigkeiten beseitigt werden, bis der Äugenblickkommt, wo der Baumeister ein kühn ersonnenes Werk ausge-führt sieht. Welch' eine lange Reihe von Versuchen geht vor-aus, von mühsamen Beobachtungen, bis das Bild des Menschen,,das der Abglanz eines göttlichen ist und seine Abkunft ver-kündigen soll, die hemmenden Fesseln gesprengt hat, bis dieStatue ihre Glieder löst und in freier Bewegung aus dem Marmoroder Erz hervorschreitet. Die Poesie, weil sie sich des ein-fachen, im Anfange gleich in feiner Vollendung verliehenenMittels, ich meine jenes Wunders, das in der menschlichenSprache liegt, bedient, weiss sich in allen verschiedenen Gradenund Abstufungen der Bildung auszudrücken und durch dasEinfache und Kunstlose, ebenso wie durch die reiche Pracht derkunstreichsten Rede zu dem menschlichen Herzen [zu] reden.Das ist ihr wesentlicher Unterschied vor den übrigen Künsten,der ihr eine grössere Freiheit und Ausdehnung zusichert.
Die Poesie ist lyrisch oder episch, denn die dramatische' ist eine in der Regel spätere Ausbildung der epischen und ziehtvon dieser ihre Nahrung. Von der lyrischen rede ich hiernicht, sie wird kaum von der Geschichte berührt, da sie dieunvergänglichen, zu allen Zeiten wiederkehrenden Gefühle desmenschlichen Herzens ausspricht. Wie weit sie über die ganzeErde ausgebreitet ist, sie erscheint in naher Verwandtschaft, siedrückt etwas aus, das jedem verständlich ist, und die Gesänge,in welchen der in den Wäldern wandelnde Wilde eines fremdenHimmelstrichs seine Gefühle ausströmen lässt, finden einen An-klang in der Brust des Menschen, welchen die Cultur der Jahr-