404 ZU DEN MÄRCHEN.
8. Das Blut der Kinder macht alles, was es anrührt,wieder rein und gesund oder stellt den natürlichen Zustandwieder her, und zwar darum, weil es selbst als etwas ganzReines betrachtet wird. So vernichtet es in dem Märchen vondem treuen Johannes den Zauber und giebt dem Stein dasmenschliche Leben wieder. Man hat viele Sagen, dass esallein den sonst unheilbaren Aussatz hat heilen können (s. ArmerHeinrich S. 173 ff.). Auf dieser Reinheit der Kinder beruhtnoch ein anderer Glaube, dass nämlich Mauern über ein Kindgebaut allein unverrücklich fest ständen. Nach einer DänischenSage (s. die Sammlung von Thiele I, S. 3) stürzten die Wällevon Kopenhagen immer wieder ein, bis ein unschuldiges Kind,das man auf einen Stuhl an einen Tisch mit Spielzeug gesetztund von zwölf Maurern schnell hatte überwölben lassen, zurGrundlage derselben genommen wurde. Verwandt ist diebritische Sage von dem Gebäude eines Königs, das nicht zuStande kommen konnte, weil jede Nacht wieder verschwand,was am Tage gebaut war. Worauf die Zauberer behaupteten,es werde nur dann stehen, wenn der Kalk mit dem Blute eines,der ohne Vater geboren worden (also eines ganz reinen Kindes),gemischt werde. Das war aber das Kind Merlin (Mart. Polonichronicon bei Schilter Script, rer. ger. p. 353).
9. In der Idee der Reinheit und Unschuld der Kinderliegt es auch, wenn die Entscheidung durch das Loos häufigin ihre Hand gelegt wird, noch heute pflegen bei den öffent-lichen Glücksspielen Knaben in das Rad zu greifen. Aberschon in dem altfriesischen Gesetz (Tit. 14 bei Georgisch S. 422)war bestimmt, dass, wenn kein Priester zugegen war, „jederunschuldige Knabe" eins von den verhüllten, auf den Altaroder heilige Reliquien gelegten Stäbchen hervorziehen konnte,wodurch entschieden wurde, ob die Angeklagten an einemMorde schuldig oder unschuldig waren.