Druckschrift 
1 (1881)
Seite
385
Einzelbild herunterladen
 

KINDERWESEN UND KINDERSITTEN. 385

Winters, welcher hier als eine alte Frau dargestellt und vomFeuer oder der Sonne verzehrt wird.

Maitag. In Schwaben gehen die Kinder mit Sonnen-aufgang in den Wald, die Knaben tragen Stäbe mit seidenenTüchern, die Mädchen Zweige mit Bändern. Ihr Führer istein Maikönig, der sich eine Königin wählen darf. Beidefangen den Tanz an, der mit dem Kusstanz schliesst, wo einKreis gebildet wird, in dessen Mitte ein Knabe steht, der nachseinem Gefallen einem Mädchen das Tuch zuwirft und es küsst.Darauf kommt dieses in den Kreis und fordert auf, so geht esweiter. In England wurde am Maitag vormals (bis zur Refor-mation) um eine mit Bändern geschmückte Stange getanzt.Ein Knabe war als Jungfrau Maria verkleidet, ein anderer wieein Mönch, und noch ein dritter ritt auf einem Steckenpferdmit Klingschellen und bunten Streifen. In Schlesien peitschendie Kinder einander scherzweise zu Ostern mit bunten, ausWeiden geflochtenen Peitschen, die Schmagostern heissen, undbespritzen sich mit Wasser. Sie bekommen bunte Eier, Kuchenund ein zu diesem Feste gebackenes Geldbrot geschenkt. Miteinem ausgeschmückten Maibaum ziehen sie, während bestimmteLieder gesungen werden, von Haus zu Haus und erhalten Geldund Fastenpretzeln. Auf der Spitze des Baums, gewöhnlicheine Fichte oder Tanne, sitzt eine Lappenpuppe, die mit Gold-papier, farbigen Eierschalen und Strohgewinden umhangen ist(Allg. Anzeiger der Deutschen 1808. No. 250). Merkwürdig,dass auch in Marseille der Gebrauch herrscht, sich mit Wasserzu bespritzen (Millins Reise ins südl. Frankreich Bd 3). DasPeitschen ist eben so im Erzgebirge üblich. Im Östrei-chischen wählen die Dorfjungen zu Pfingsten einen Pfingst-könig, kleiden ihn mit grünen Zweigen, schwärzen ihm dasAngesicht und werfen ihn auch wohl in kleine Bäche (DenisLesefrüchte I, 129). Es zeigt sich auch hier die Idee von dembesiegten schwarzen Winter.

Johannistag. Bekanntlich wird dieser Tag der amhöchsten stehenden und daher auch fallenden Sonne durchmancherlei Gebräuche, meist durch ein Bergfeuer und durcheinen ausgehängten Frucht- und Blumenkranz gefeiert. In

W. GRIMM, KL. SCHRIFTEN. I. 25