Druckschrift 
1 (1881)
Seite
382
Einzelbild herunterladen
 

382 ZU DEN MÄRCHEN.

In Sachsen (nach Hilscher Gedanken über das Todaustreiben.Dresden 1701) tragen sie auf den Sonntag Lätare den Tod ineinem Bilde von Stroh in den Strassen herum. Sie lassenes manchmal zu einem Fenster hineinsehen, da glaubt man, esmüsse jemand aus dem Hause in diesem Jahr sterben, und umes abzuwenden, giebt man ihnen gern Geld. Sie singen dabeiallerlei Gesänge, z. B.:

,,N un treiben wir den Tod hinaus,den alten Weibern in das Haus,den Jungen in den Kasten;Morgen wollen wir fasten!"

In Balth. Schnurrs Kunst- und Wunderbuch S. 127, V. 151lauten diese Verse etwas verschieden; und dann weiter:

Wir treiben ihn über Berg und tiefe Thal,

dass er nicht wieder kommen soll.

Wir treiben ihn über die Heide,

das thun wir den Schäfern zu Leide."'

Oder in Nürnberg:

Heut ist Mittfasten, wohl ist das!

trägt man den Tod ins Wasser, wohl ist das!"

Bei diesem Zug laufen die Knaben geschwind, wie dieTodtengräber, wenn sie eine arme Leiche tragen. Draussenvor dem Thor stürzen sie das Bild ins Wasser *) oder werfenes auch wohl auf den Rabenstein; man glaubt, dass dadurchdie Pest abgewendet werde. Ist nun der Winter getödtet, sobringen sie den Sommer. So heisst nämlich ein mitKuchen, bunten Eierschalen, farbiger Wolle, silbernen Gürteln,Winterkränzen geschmückter Baum, den die Knaben in dieStadt tragen und gegen ein Geschenk vor die Thüre Neuver-mählter setzen; es ist der Baum der Glückseligkeit. Ziehensie damit durch Dörfer, so werden sie beschenkt mit Pretzeln,Eiern und Bohnen. Fromme Leute schicken den Waisenkindernan diesem Tage ein Erbsengericht. Das Fest ist auch in

') Man erinnert sich hierbei einer altrömischen Sitte. Am IS. Maipflegten die vestalischen Jungfrauen in Begleitung der Magisträte undPriester die Bilder von dreissig alten Männern, aus Binsen gemacht, aufden pons sublieius zu tragen und in die Tiber zu werfen.