KINDERWESEN UND KINDERSITTEN. 381
Auch gehen oft zwei erwachsene junge Bursche in einerVerkleidung herum, indem einer den Sommer, der andere denWinter vorstellt. Sie kämpfen mit einander und derWinter verliert. Man erinnere sich dabei, wie häufig dieMinnesänger den Kampf zwischen Sommer und Winter be-schreiben. Im Kraichgau tragen die Mädchen bei diesem Festeinen mit Immergrün umwundenen Reif auf einem Stecken, andiesem hangen kleine Spiegel, Goldflitter und Pretzeln. DieKnaben aber tragen viele solcher Kränze, nur kleiner, an ihrenStecken und geben immer einen als Gegengabe in jedem Hauseab, wo sie für ihren Gesang Geld, Eier, Schmalz oder Mehlerhalten. Dieser Kranz wird mitten in der Stube über demTisch an einem Faden aufgehängt und bleibt, bis er im nächstenJahr durch einen frischen abgelöst wird. Durch die aufziehendeOfenwärme bewegt sich der Kranz zuweilen, dann sagen dieKinder, das bedeute etwas Gutes; kommt aber eine Hexe indie Stube, so sagt man, stehe der Kranz still. — In Schlesienwar es sonst an diesem Tage allgemeine Sitte, den Tod aus-zutreiben, sie hat sich jetzt nur noch auf dem Land und inkleinern Städten erhalten. Es wurde ein Bild von alten Lumpenmit eigenen Gesängen durch die Stadt getragen und zuletztins Wasser geworfen (Henelii Silesiographia renov. II, p. 11).Jetzt gehen die Kinder mit geschmückten Tannen- oder Fichten-zweigen, wie es heisst: zum Sommer, nämlich von Haus zuHaus umher und singen:
wir haben den Tod hinausgetriebenund bringen den lieben Sommer wieder,den Sommer und auch den Maie:der Blümelein sind maneherleie!Oder:
Kleene Eisehel, kleene
schwimmen uf em Teiche,
rothe Rosen, rothe
stehen uf em Stengel!
der Herr is schön, der Herr is schön,
die Frow is wie a Engel.
Sie erhalten dafür Pretzeln oder anderes Backwerk und wer-den die Sommerkinder genannt. (Flögel Gesch. der kom. Lite-ratur IV, 10. 11; Büsching Wöchentl. Nachrichten III, 166.) —