380 Zu DEN MÄRCHEN.
seltsame und lächerliche Geberden. Der ordentliche Predigerhält eine Rede; sobald er, fertig ist, wird ein Gregoriuslied an-gestimmt und nun spricht oder vielmehr agirt der Bischof dieBischofspredigt, die gewöhnlich in Reimen abgefasst ist. Daraufbesteigt er sein Pferd, die Untergeistlichen gehen neben ihmzu Fuss, und das Umsingen durch die ganze Stadt hebt an.Die altern Schüler singen, die Jüngern, in Apostel, Heilige,Engel, Könige, Priester, Edelleute, Schneider, Narren undHeiden verkleidet, sammeln an allen Thüren Geschenke ein.Dem Bischof werden zwei Maien, Zuckerbäume und Stangenmit Pretzeln und Bändern vorgetragen. Die Lehrer folgen demZug und erhalten dafür eine Pretzel und Geldgabe. Abendsgiebt der Bischof oder sein Vater einen Schmaus. — Tob. Peter-mann gab 1654 zu Dresden zwölf christliche Lieder auf diesFest heraus, doch ist kein eigentliches Volkslied darunter.
Sommer Verkündigung. Frühlingsanfang oder der heiligeSonntag zu Mittfasten, Lätare Jerusalem, der Rosensonntagwird (nach der alten Ansicht, die das Jahr nur in Winter undSommer abtheilt) auch der Sommertag genannt und vonden Kindern, Knaben und Mädchen, gefeiert. In der Pfalzund den umliegenden Gegenden gehen sie an diesem Tag aufden Gassen herum mit hölzernen farbigen Stäben, an welcheneine mit Bändern geschmückte Pretzel hängt, und singen vonHaus zu Haus den Sommer an, worüber sich jedermann freutund wofür sie etwas erhalten. Das Lied steht im Anhang zumWunderhorn S. 39. 40 und abweichend im Morgenblatt 1819.No. 171. Noch kennen wir es nach mündlicher Überlieferungaus Gernsheim im Darmstädtsohen, wo es anhebt:
Stab aus!dem Winter gehn die Augen aus,Veilchen, Rosenblumen!holen wir den Sommer,schicken wir den Winter übern Rhein;bringt uns guten, kühlen Wein!
Wird den Kindern nichts gereicht, so singen sie:
der Fuchs der kriecht ins Hühnerhausund frisst die Eier alle aus!