ÜBER DAS WESEN DER MÄRCHEN. 355
durch seine Plumpheit überwältigt wird. Manches gehört inden Fabelkreis von Reinhart Fuchs und wird dort besser sicherklären lassen. Wo die Menschen mit den Thieren zusammen-kommen, sind jene gewöhnlich hart und ungerecht, werdenaber dafür bestraft, wie z. B. in dem Märchen von dem Hundund Sperling.
FESTSTEHENDE CHARAKTERE.
Die Eigenthümlichkeiten eines ganzen Volkes pflegt diePoesie um Einzelne zu versammeln, so dass, was in der Mengezerstückt, schwach oder unbestimmt sich zeigt, gesteigert undzu einem Ganzen vereinigt wird; man könnte sagen, sie liessuns nur vollständige und in E'arben ausgemalte Exemplaresehen. Stellt ein solcher Charakter zwar das Gemeinsame dar,so tritt er doch zugleich als eine scharf gezeichnete, für sichin ihrer Besonderheit lebende Gestalt auf; vorzüglich erschei-nen im Komischen, weil es so viel Eckiges und Hervorsprin-gendes hat, gleich feststehende Masken. Überhaupt aber, jemehr solche Charaktere auf die Natur eines Volks, seine Tu-genden und Schwächen sich gründen, desto bleibender undunvergänglicher werden sie auch sein und nach allen äusser-lichen Veränderungen jedesmal frisch sich herausbilden. Wel-ches Epos hätte nicht als Helden einen Achill und Ulysses, imHumor und Scherz seinen Laienbürger und Eulenspiegel. Essind die natürlichen Formen und Grenzen der Poesie, inner-halb welcher sie sich mit aller Freiheit und Mannigfaltigkeitbewegen kann. Von Siegfrieds eigenthümlichem, die deutscheNatur vorzugsweise bezeichnendem Charakter war vorhin dieRede; dieser hat aber schon einen gewissen Anklang von einemandern, der hier oft vorkommt und der Dummling genanntwird. In der Jugend zurückgesetzt, zu allen Dingen, wozuWitz und Gefügsamkeit gehören, ungeschickt muss er gemeineArbeiten verrichten (wie Siegfried das Schmiedehandwerk treibt)und Spott erdulden; er ist das Aschenkind, das am Herdeoder unter der Treppe seine Schlafstätte hat; aber es leuchtetdabei eine innere Freudigkeit und eine höhere Kraft durch;
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