ÜBER DAS WESEN DER MÄRCHEN. 353
rend die Volksdichtung jene vor allem zu erhalten sucht. Inuusern Märchen ist zwar die Übereinstimmung in der Fabelselbst das Überwiegende, doch haben sich auch Charaktere forterhalten, namentlich erscheint Siegfried öfter am kenntlichstenin dem jungen Riesen an jener eigenthümlichen Mischungeines tapfern und reinen Herzens und einer gutmüthigen undscherzhaften Laune, in welcher ihn das Nibelungenlied dar-stellt. Siegfried handelt unbewusst, aber in sicherm Gefühlvon der Herrlichkeit seiner Natur und Lebenskraft. Was denZusammenhang mit der Fabel betrifft, so wäre er zu eng an-gegeben, wenn man voraussetzte, anfänglich sei völlige Über-einstimmung gewesen und nur durch Ausfüllung der Lückenmit Hülfe der Einbildungskraft das Abweichende entstanden;dagegen, wollte man behaupten, die Übereinstimmung, wie siesich findet, sei bloss zufällig oder hätte ihren Grund in demauf gleiche oder verwandte Gedanken von selbst zurückkehren-den Geist, so wäre dies noch unrichtiger. Sie ist zu merk-würdig und geht in zu viele einzelne Züge, als dass an einensolchen Zufall könnte gedacht werden. Freilich ist die deutscheSage im Ganzen und Grossen aus dem Wesen des deutschenGeistes entsprungen, und es ist ihre Aufgabe ihn darzustellen;aber eben in dem Ineinandergreifen des Nothwendigen derÜberlieferung und des Freien der poetisch-bildenden Kraftbesteht ihr Leben, und eine solche Mischung müssen wir auchhier annehmen. Dass sich noch ein Zusammenklang mit dernordischen Sage, am deutlichsten in Beziehung auf Aslaug, er-halten, der in andern Denkmälern nicht mehr vernommen wird,ist um so wichtiger, als es zeigt, dass das Ganze nur in demBewusstsein des Volks vollständig vorhanden war und das-jenige, was in den einzelnen Gedichten hervortrat und ausge-bildet wurde, immer nur als Bruchstück, wenn auch organi-sches, darf betrachtet werden. Bei dem Volk hat noch fort-gedauert, was in den durch die Schrift auf uns gekommenenDichtungen so gut spurlos untergegangen ist, als jene gleich-falls hierher gehörigen Lieder von Saurle und Hamder, derenDasein doch ausdrückliche Zeugnisse beweisen. Auch hierin
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