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1 (1881)
Seite
351
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ÜBER DAS WESEN DER MÄRCHEN. 351

puttel und das mit seinem Liebsten Roland entfliehende Mäd-chen stehen unter einem besonderen Schutze.

In seiner Idee immer dasselbe wird ein Märchen vier- bisfünfmal jedesmal unter andern Verhältnissen und Umständenerzählt, so dass es äusserlich als ein anderes kann betrachtetwerden. Die gute und unschuldige, gewöhnlich die jüngsteTochter wird von dem Vater in der Noth einem Ungeheuerzugesagt oder sie giebt sich selbst in seine Gewalt. Geduldigträgt sie ihr Schicksal, manchmal wird sie gestört von mensch-lichen Schwachheiten und muss diese schwer abbüssen, dochendlich empfindet sie Liebe zu ihm, und in dem Augenblickwirft es auch die hässliche Gestalt eines Igels, eines Löwen,eines Frosches ab und erscheint in gereinigter, jugendlicherSchönheit. Diese Sage, welche auch bei den Indiern einhei-misch ist und mit der römischen von Amor und Psyche, deraltfranzösischen von Parthenopex und Meliure sichtbar zusam-menhängt, deutet die Bannung in-das Irdische und dieErlösung durch Liebe an. Stuf'enweis arbeitet sich dasReine hervor, wird die Entwicklung gestört, so stürzt Eleudund Schwere der Welt herein und nur von der Berührungder Seelen, vor der Erkenntnis in Liebe fallt das Irdische ab.

Es ist schon vorhin bemerkt, dass diese Poesie es ihrerinnern Lebendigkeit überlässt, die gute Lehr ezu geben; an sichist es nicht ihr Zweck, am wenigsten ist sie ausgedacht, umirgend eine gefundene moralische Wahrheit aus einander zusetzen. Dagegen sind einige Märchen deutlich auf eine Lehregerichtet, doch nur indem sie mit dem bestehenden Volksglau-ben zusammenhängt und daraus die Sage sich gebildet, nichtaber soll sie durch den ersonnenen Gang einer Geschichte, wo-bei zuletzt eine Erklärung nöthig wird, herausgekünstelt werden.Dahin das Märchen von dem Mütterchen, welches über GottesFügungen trauert und in einem nächtlichen Bilde die traurigenSchicksale schaut, die von ihr abgewendet worden; das Mär-chen von dem Kind, das der gestohlene Heller nicht im Graberuhen lässt, das die Hand aus dem Grabe streckt; von derBrautschau, den Schlickerlingen, wodurch Fleiss und Häus-lichkeit empfohlen werden; von dem Grossvater und Enkel;